Scharfrichter Kraft

111SCHARFRICHTER KRAFT (Stempelnummer 111 – Teil 1)

Vor zweihundert Jahren lebte in Goslar ein Scharfrichter, der hatte die Gabe Menschen mit seinem Worte festzubannen. Auf seinen Willen standen sie unbeweglich, bis er es eben für angeraten hielt, sie mit seinen Formeln auch wieder loszusprechen.

Einst erwischte er eine Bäuerin, die schon oft aus seinem Garten Früchte gestohlen hatte. Gerade wollte sie mit dem schwer beladenen Tragkorbe über die Mauer klettern und sich fortmachen, als Kraft rief: „Sitze da bis morgen Abend um diese Zeit, damit alle Kirchgänger dich sehen!“ – wie angeschmiedet hockte das Weib nun in gleicher Pose, unfähig sich auch nur einen Millimeter zu rühren.

Als am anderen Tage die Kirchgänger kamen und sie dort hocken sahen, da breitete sich ein arger Spott über die Diebin aus. Nur die Bannstarre bewahrte sie davor, vor Peinlichkeit „in der Erde zu versinken“.
Als der Scharfrichter am Abend kam, um sie zu erlösen, versprach sie ihm dreimal und schwor noch darauf, sich nie wieder an fremden Gütern zu vergreifen, was sie soweit ich weiß, auch eingehalten hat.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne nach Seifart, in Henniger & Harten, 1962)

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DIE SAGE VOM SCHARFRICHTER (TEIL 2/4 – DER WILDERER)

Wer aber glaubt, dass Scharfrichter Kraft aus Goslar, der Menschen mit seinen Worten festzubannen verstand, so dass sie still an einer Stelle standen, bis er sie wieder erlöste, nur Gutes im Sinn hatte, der irrt!

Ja wahrlich, wusch er seine Hände nicht in Unschuld, war er doch der Meinung, seine abhanden gekommenen Früchte durch einen guten Hirsch in fremden Gehegen gewildert wieder ausgleichen zu können. Als er einmal einen Rehbock am Steinberg erlegt hatte und eben sein Knie auf die Beute legte um es auszuweiden, hörte er hinter sich das Klacken des Spannhahns einer Flinte. Wie sich Kraft erschrocken umwandte, sah er keine zehn Meter von sich den Revierförster stehen. Der Lauf dessen Flinte war auf ihn gerichtet. „Habe ich dich Halunke. Wer hätte gedacht, dass der vielgesuchte Wilderer unser eigener Scharfrichter ist? Wenn das die Leute erfahren!“, griente der Förster.

Kraft blieb regungslos, sprach nur: „Warte mit dem Schießen, bis ich fertig bin!“, worauf der Förster weiter regungslos im Anschlag stand, ohne sich rühren zu können. Ohnmächtig musste er zusehen, wie Kraft in einer Seelenruhe das Tier ausweidete, ihn schlussendlich lächelnd grüßte und sich gemütlich auf den Heimweg machte.

Zuhause angekommen, sprach er einen Juden an, der des Weges kam, er möge doch bitte in den Wald gehen, zu eben jener Stelle wo der Förster stand und ihm sagen, dass der „werte Herr Waldschrat“ nicht länger still warten müsse.
Erst als der Jude die Worte überbrachte, konnte sich der Förster wieder rühren und ging fluchend seiner Wege. Noch oft erwischte er Kraft beim Wildern, wagte es aber nie wieder, den Scharfrichter zu stören.

(aufgeschrieben von Kiehne, nach Schrader 1958)

 

TEIL 3 – IM WIRTSHAUS

Auf einer seiner Reisen kam Kraft an ein einsames Wirtshaus und wollte die Nacht darin rasten. Der Wirt wies ihn aber barsch ab, meinte lautstark er hätte keine freien Zimmer, worauf einer der Gäste im Saal der den Scharfrichter erkannte aufsprang, auf Kraft zuging und erwiderte, er würde sein Zimmer gerne teilen. Das Angebot nahm der Scharfrichter gerne an, auch wenn der Wirt heftig protestierte.

Der Reisende aber, war nur froh, dass er einen Zimmergenossen wie den Scharfrichter hatte, denn das Wirtshaus war ihm nicht geheuer. Er war als Kaufmann mit viel Geld unterwegs und hatte Angst um sein Leben und die Habe.

Diese Befürchtungen waren auch nicht unbegründet gewesen. Mitten in der Nacht, die Kerze der Stube war längst gelöscht, knackste die Tür und sechs Gestalten mit dicken Prügeln, erhobenen Messern und rußgeschwärzten Gesichtern schlichen zur Bettstatt der Schlafenden.

Kraft aber hatte sich nur schlafend gestellt und befahl nun: „Steht starr, dass ich eure schwarzen Gesichter waschen kann!“ Die Gebannten standen wie versteinert, atmeten flach und mussten es nun erdulden, wie der Scharfrichter und der Kaufmann Schabernack mit ihnen trieben und ihnen die Gesichter wuschen. Und siehe da, unter den Sechs Halunken, fanden sie auch den Wirt des Gasthauses, der der Anführer der Bande war und schon manchen Reisenden hinterm Haus im Walde vergraben hatte.

Als genug ehrenhafte Mannschaft aus Goslar zusammengeholt ward, löste Kraft den Bannspruch von den Konsorten und nacheinander spannte man die Schergen aufs Rad!

 

TEIL 4 – Beinahe ein Ehrenbürger

Des Forstmannes Stimme hatte Gewicht im Goslarer Rat und tatsächlich äußerten einer nach dem anderen der hohen Herren Besorgnis über die Fähigkeiten Krafts und seine scheinbare Willkür Bürger zu bannen. Schlussendlich waren sich alle einig darin, dem Scharfrichter müsse schleunigst selbst das Handwerk gelegt werden.

Mit dem Vorwand ihn zum Ehrenbürger zu ernennen, ward er zur Mittagsstunde ins Rathaus geladen und bekam nach altem Brauch, aus dem goldenen Becher der Stadt den Ehrentrunk gereicht. Begierig kippte er den edlen, blutroten Wein hinunter ohne auch nur leiseste Bedenken zu hegen. Da wurde ihm ganz seltsam zu Mute: Die Zunge lag ihm schwer und taub im Rachen, sein Hals ward schnell zum Bersten dick und seine Augen drehten sich wir irre ins Weiße. Ohne ein einziges Wort sagen zu können, fiel er Punkt 12 Uhr maustot zu Boden.

Von der Bluttat hatten die einfachen Bürger freilich nicht die geringste Ahnung. Sie wunderten sich nur, dass am folgenden Tage dutzende Personen, die schon ewig als verschollen galten, so mir nichts dir nichts durch Goslar spazierten. Fragte man sie, wo sie solange gesteckt hätten, hörte man immer die gleiche Geschichte: „Der Scharfrichter Kraft hatte mich gebannt und so stand ich regungslos bis gestern zur Mittagsstund‘!“ „Kraft sei geflohen!“, verkündete der Rat, doch noch heute sieht man den Fleck des Giftmords am Boden des Huldigungssaals im Rathaus.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne nach Seifart, Henniger & Harten, 1962)