Die Hexe im Bielerturm

DSCN6150DIE HEXE IM BIELERTURM (über Wernigerode – Stemel 31)

Katharina von Bieler war eine Hexe, wie sie im Märchenbuch steht! Nein, nicht alt, hässlich mit Warzen auf der Hakennase. Sie war ein junges, keckes Ding um die 18 Jahr‘, an der wirklich alles am rechten Flecke saß. Vom lieben Gott war sie mit langem, wallendem, rötlichem Haar, einem gebärfreudigen Becken und Brüsten, so groß, dass man darin versinken wollte, über die Maße gesegnet wurden. Ihr Schmollmund jagte dem stolzesten Grafen Wonneschauer über den Rücken und ein einziger Blick aus ihren tiefgrünen Augen, ließ jeden Ritter seine Moral vergessen.

Wen wunderte es also, dass selbst ein Mönch von der Himmelpforte, der Nächstenliebe predigend stadtwärts gezogen kam, ihr Hals über Kopf verfiel. Ach, was wussten ihre Schenkel von der Liebe zu singen, welche ihm bisher so fremd war und der er nun völlig verfiel. Nie zuvor fühlte er sich Gott so nah, wie wenn er in ihr versank, sich vollkommen in ihr verlor. Auch die Bieler genoss, die ihr zuteilwerdende, ungeteilte Aufmerksamkeit des hübschen Klosterbruders in vollen Zügen, fühlte sie sich doch von ihm, als Göttin verehrt.

Hier ist eigentlich alles gut, würde man meinen, wäre da nicht die ganz und gar unansehnliche Äbtissin zu Drübeck gewesen, die diesem verruchten Treiben ein Ende zu machen gedachte. Der heidnische Neiddrache tobte allzusehr in ihrem Herzen, was sie freilich sich selbst nicht eingestand. Prompt ward Katharina als Hexe angeklagt – wen wundert‘s – auch verurteilt und auf den Scheiterhaufen gestellt. Ihren Mönch hat seit diesem Tage niemand mehr gesehen.
Doch kurz bevor dem Holz gar feierlich zum Lodern gelüstete, stürmte ein Ritter hoch zu Ross in schwarzer Rüstung heran. Wild, wie vom Teufel gepeitscht, schlug er mit dem Schwert um sich, hieb dann das Seil am Scheiterpfahl entzwei, zog die Hexe auf seinen Klepper und stürmte von dannen.

„Warum hast du mich errettet?“, fragte die Bieler mit einem Blick der Liebe verhieß, als sie im Wernigeröder Schloss erwachte. „Ich habe dich dem Feuer entzogen, schöne Katharina, weil mein Herz für dich in Flammen steht. Bleibe in meiner Schutzhaft, solange du magst. Gerne auch, bis die Drübeksche – diese alte Hexe – versteht, dass du eher einer Göttin gleichst.“, antwortete der Graf.
„Also bleib‘ ich für immer?“, lächelte die Bieler, worauf der Graf ihre Hand in die Seinen nahm, vor ihr niederkniete und sprach: „Gerne für alle Ewigkeit!“

Ein Turm des Wernigeröder Schlosses heißt noch heute im Volksmund der „Bielerturm“!

(aufgeschrieben von Kiehne nach Will)