Der Meiseberg

179 - Meiseberg

DER MEISEBERG & SEINE ZWERGE (Selketal – Stempel Nummer 179)

Einst gab es am Ortsrand von Ballenstedt eine kleine Hütte. Darin wohnte eine arme Familie für die der Segen eines großen Kinderreichtums zum Fluch wurde, da sie selbst vom Nötigsten zu wenig hatten. Die Mutter war darum in großer Not, sollte sie doch ein Tauf-Fest fürs Neugeborene ausrichten und besaß nicht einmal Geld um den Gästen Speis und Trank zu reichen. „Ich werde meinen letzten Groschen nehmen und sehen, was ich dafür erstehen kann!“, sagte sie, verließ das Haus und fand sich in einem wüsten Sturm wieder, der ihr alles nasse Elend ins Gesicht klatschte.
Als endlich das Unwetter vorüberging, kam der Nebel. So dicht war der, dass sie ihr Ziel und alle Orientierung verlor. An einem großen Baum machte sie halt, sich auszuruhen und das Ende des Nebels abzuwarten, als sie plötzlich in den Wurzeln eine Höhle und darin hunderte kleine, goldene Hufeisen entdeckte. „Mein Gott, welches Glück!“, sprach sie in heller Freude als sie zwei davon an sich nahm. „Lege sie zurück Alte!“, fauchte es hinter ihr. Schnell wie der Wind, wand sie sich um und sah in das Antlitz eines kleinen, grummelnden Männleins. „Leg sie zurück!“, forderte es zum zweiten Mal. „Aber … bitte, hör‘ doch: Ich brauche nur zwei um die lieben Kinder zu ernähren. Vom Erlös können wir den ganzen Winter essen. Nur diese hier – ich bitte dich!“, bat sie von Herzen. „Alte Krähe, ich sag‘s nicht noch einmal – leg sie zurück!“, erwiderte der Zwerg jähzornig, worauf seine Augen böse funkelten.
Dann pfiff er einmal schrill und aus den Baumkronen, den Erdlöchern, den Sümpfen, von überallher traten kleine Männlein auf sie zu. Scharfe, blitzende Messer und Äxte hatten sie in den Händen und brüllten durcheinander: „Leg die Eisen hin!“ – „Scher dich fort!“ – „Menschengesocks!“
Prompt ließ sie die goldenen Hufeisen fallen und lief so schnell die Beine sie trugen. Nein, sie wagte es sich nicht, sich umzublicken. Nur weg von diesen Wesen und dem schauerlichen Ort. Doch was war das, neben ihr der Zwerg auf einem winzigen Ross. „Alte, ich werde dir …!“, schrie er. Mehr hörte sie aber nicht, sprang über einige Wurzeln, kletterte hier den Hügel hinauf, dort ins Tal hinab, lief schneller, sprang durch ein Dornengebüsch. Es scherte sie nicht, ob das Gewand zerriss oder ihr Haut aufriss, nur weg!
„Alte!“, hörte sie den Zwerg aus einiger Entfernung brüllen. Aber ach, ihre Beine wurden plötzlich schwer und schwerer, lange würde sie ihr Tempo nicht durchhalten können. Da stolperte sie bös‘ über eine Wurzel und fiel längelang zu Boden. Schon rappelte sie sich auf und wollte weiterlaufen, als sie hinter sich das Wehleiden eines Kindes vernahm. Sie blickte sich um und sah in der Wurzel, über die sie gerade gestolpert war, ein kleines eingeklemmtes Zwergenbalg. Eilig lief sie zu ihm hin, befreite das winzige Füßchen aus dem Wurzelgeflecht, verband es mit einem Tuchstreifen ihres Kleides und liebkoste seinen Kopf. Als sie aber aufblickte, sah sie direkt ins grimmige Antlitz des alten Zwergen.
Sein Pferd wieherte zornig, aber der Gnom dessen Gesichtszüge immer friedvoller zu werden schienen, hielt es fest im Zügel. „Ruhig Rupert, ruhig!“ Schon wollte die Frau auf stürzen und fortlaufen, als der Zwerg gebieterisch aber gütig „Halt!“ rief. Der Klang seines Wortes hallte durch den Wald und selbst der heftige Wind gehorchte und fand sogleich zur Ruhe. „Höre Weib, ich sehe, du hast ein gutes Herz, hast sogar meinem Kinde geholfen. Versteh‘ du aber: Die goldenen Hufeisen kann ich dir nicht lassen. Kommt nur eines davon fort, stirbt einer der Unseren. Nimm stattdessen aber meine Freundschaft.
Bist du einmal in der Not, rufe dreimal meinen Namen „Zwergenkönig Frederik“, sag‘ dein Begehr und dir wird geholfen.“ – Und ohne ein weiteres Wort zu sagen, bevor die Frau ein „Danke“ zuwege brachte oder ihr Herz sich hätte beruhigen können, war der Zwerg mitsamt seinem Kinde verschwunden.

Auch der Nebel und das arge Wetter löste sich rasch auf. Hatte sie das alles nur geträumt, dachte sie besorgt, wandte sich um und wusste sofort, wo sie war: Am Meiseberg. Von hier aus fand sie rasch nach Hause. Dort angekommen fiel ihr schmerzlich ins Bewusstsein, dass sie nichts erreicht hatte: Für die Taufe war nichts eingekauft und das letzte Geldstück, war wohl bei ihrer hastigen Flucht verloren gegangen. Als sie traurig durch die Gartenpforte trat, erinnerte sie sich jedoch an die seltsame Begegnung und beschloss, ihr Glück zu versuchen. Dreimal rief sie: „Zwergenkönig Frederik, bitte hilf!“
Plötzlich schwang die Tür der Hütte auf, ihr Mann trat mit einer Kerze ins Freie und konnte nicht fassen, was er im flackernden Licht zu Gesicht bekam: Da standen zu seinen Füßen unzählige, silberne Töpfe, aus denen es verführerisch roch. Dutzende Krüge standen daneben, bis an den Rand mit bestem Wein gefüllt. „Das alles hat der Zwerg aus meinem letzten Groschen gemacht!“, freute sich die Frau. Der Mann fragte verwundert: „Weib, sag an, woher kommt dieser Reichtum? Wie hast du so viel Geld, vom Wenigen dass ich nach Hause bringe, zusammensparen können?“, worauf er ihr ein kleines Säcklein goldener Münzen präsentierte.

Die Alte erzählte ihm alles und die Taufe ward ein prächtiges Fest. Freilich fragten alle Gäste, wem die Beide ihren plötzlichen Segen verdankten. Da antworteten sie voller Freude „Dem Zwergenkönig Frederik im Meiseberg!“ – Wirklich geglaubt hat es den Beiden niemand. Doch hörte man in jener Zeit am Fuße des Berges immer wieder einige Ballenstedter nach Frederik rufen. Jene aber hören nur sein hämisches Lachen, den Frederik (so war es und wird es immer sein) sucht sich seine Freunde selber aus.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne; die Bedeutung der Sage ist im Buch „Die bekanntesten Sagen & ihre geheime Bedeutung“ beschrieben, Veröffentlichung, März 2017)