Der Dreibrodestein

154 - Dreibrodestein

DER DREIBRODESTEIN BEI ST. ANDREASBERG (Stempelnummer 154)

Überhalb des Dreibrodetals bei St. Andreasberg liegen drei große wie von Riesenhand übereinander getürmte Granitblöcke. Himmelhohe finstere Fichten ließen einst kein Sonnenlicht an an diesen Flecken Erde, ganz so, als wollten sie ein uraltes Geheimnis hüten.

Unter den DREIBRODE-Steinen soll die „schwarze Kathrin“ wohnen, sie ist der große Spukgeist. Andere sagen, es wäre Frau Holle persönlich, die nächtlich um ihren Liebsten weint und Reisenden auf die Schulter huckt. Derjenige, der so töricht wäre, hier vorbeizukommen, müsse sie dann tragen, wohin sie wolle.

Wie die Dreibrodesteine entstanden, erzählt diese alte Geschichte: Damals war der Oberharz noch nicht bewohnt. Nur nach Erzen schürfende Bergleute traf man in den tiefen und finsteren Wäldern und Felsklüften. In den ersten Hütten, die sich um die Berkwerke von St. Andreasberg bildeten, lebte eine alte, geizige Frau, die man als Zauberin fürchtete und mied.

Eines Tages kam die Alte durch den Wald, mit drei großen Broten in ihrer Kiepe. In einem Tal, das später Dreibrodetal heißen sollte, hörte sie ein Wehklagen und -schreien und fand einen völlig entkräfteten Bergburschen, der hier beim Erz suchen verunfallte. Der junge Mann sah nun das alte Weib, fasste neuen Mut und
bat sie um ein Stück Brot. Die geizige Alte dachte jedoch nicht daran, etwas abzugeben, sondern begann im Gegenteil damit, furchtbarste Flüche und Verwünschungen auf den Armen niederregnen zu lassen: „Meine drei Brote sollen eher zu Stein werden, als das ich dir ein Stückchen abgebe!“

Nur wenige Minuten später, war der Bergbursche dahin geschieden, was die Alte wenig störte, war es ihr doch dadurch möglich, sich an den Habseligkeiten des Dümmlings zu erfreuen. Den Frosch und das Gezähe könne sie gut in St. Andreasberg an den Mann bringen, meinte sie und ging, den Leichnam ausgeraubt und sich selbst überlassend, heiter ihres Weges.
Doch der rechte Lohn des Himmels sollte nicht lange auf sich warten lassen. Bald schon wurden ihre Schritte langsamer unter der Last ihrer Flüche, denn die Brote verwandelten sich wirklich zu Stein. Ins Riesenhafte wuchsen sie an und taten es der Kraft ihrer Verwünschungen gleich.
Durch das immer schwerere Gewicht ward die Alte allmählich
ins Moor gedrückt und, wie sie es auch versuchte, sie bekam die Kiepe nicht vom Rücken. Kein Wehklagen und um Hilfe schreien half der Hexe da. Sie wurde für immer unter den Steinbroten begraben.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne)

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TAGE DER HEXE (am DREIBRODESTEIN)

An Tagen, an denen es Waldgeistern, Zwergen und Hexen möglich ist, uns Menschen heimzusuchen, gelingt es der Alten unterm Dreibrodestein, ihrem Verlies zu entfliehen. Dann welkt das Gras um den Stein herum, alles Moos wird braun und eine unheimliche Welle aus Nebeln fließt ins Tal hinunter. Wenn es dann so still im Dreibrodetal wird, dass man den eigenen Herzschlag vernimmt und so kalt, dass sich die Nackenhaare aufrichten, dann macht der Spukgeist wieder die Gegend unsicher.

Ein Holzhauer hatte einst sein Tagwerk geschafft, ging am Fischbach entlang nach Hause, als er in der Nähe der Clausthaler-Straße einer Frau in alter Tracht begegnete. Zuerst glaubte er, eine Beerensucherin vor sich zu haben, doch die Alte benahm sich sonderlich. Sie lief mal hin, mal zurück, ohne Ziel und ohne Verstand, wie es ihm schien. Einen Besen hatte das Weib in der Hand undeine große Kiepe trug es auf dem Rücken. Kopfschüttelnd ging er in einigem Abstand weiter und beschloss nichts weiter drauf zu geben.

Als er jedoch am nächsten und übernächsten Abend die Alte wiedersah und dasselbe seltsame Schauspiel beobachtete, fasste er sich ein Herz und ging auf die Frau zu.
Da sah er vor sich eine alte Hexe, grinsend flog sie auf ihn zu und fauchte ihn an. Vor Schreck konnte sich der Holzhauer nich mehr rühren. Immer näher kam die Alte. Ihr fauliger Atem stand ihm schon in der Nase. Näher und näher, als wolle sie ihn küssen und er ahnte, dieser Kuss würde alles Leben aus ihm ziehen, … als er wie aus einer anderen Zeit 1000 Kilometer Entfernung ein schrilles Pfeifen vernahm.
Als er endlich wieder zu sich kam, glaubte er einen bösen Traum gehabt zu haben. Die Alte war verschwunden und fünf seiner Kameraden standen um ihn herum. Ein Schauer überfiel ihn, als er nun hören musste, die Freunde hätten die Alte auch gesehen und wie sie über ihm kauerte. Als das Weib der Mannschaft gewahr wurde, fauchte sie und ließ drohend ihre spitzen Zähne aufblitzen. Das Tröten mit diesem Waldhorn hier, hätte sie verjagd. Im Nebel sei sie plötzlich gen Dreibrodestein verschwunden.

Noch heute steht manchmal in den Abendstunden um Walpurgis ein unheimlicher Nebel am Fischbach und der Clausthaler Straße. Ich erinnere mich noch, dass die Alten uns rieten, bloß nicht in die Nähe des Nebels zu gehen.

(Einheimischen abgelauscht & aufgeschrieben von Kiehne)