90 – Der „Rote Schuss“

Krieg zog wieder durch die deutschen Lande, was den Reichen wenig berührte, pressten sie doch die nötige Kriegssteuer aus den Armen heraus, deren Leid umso mehr ins Unermessliche wuchs. Alle Knaben, die Flinten und Hellebarden halten konnten, wurden aus den Familien gerissen. Wer sollte jetzt noch die Felder bestellen? Zumal das wenige Korn, wenn es reifte, entweder gestohlen oder von den Reiterscharen niedergetrampelt worden wäre! In Ellrich wurde zu jener Zeit gutes Brot mit gediegenem Gold aufgewogen.

„Wer könnt’s uns übelnehmen, wenn wir die Abgaben heute und morgen, in dieser wirren Zeit nicht aufbringen?“, fragte ein Bauernweib, dem unterm Herz ein Kindlein wuchs. „Ach mein liebes Naivchen!“, widersprach ihr Mann, „Man wird mich trotzdem in den Schuldturm stecken. Denen ist’s gleich, ob wir verrecken oder leben – und damit es Letzteres wird, werd‘ ich überm Limbachtal ein gut Stück Wild erlegen.“ „Aber, auf‘s Wildern stehen schwere Strafen!“, widersprach die Frau und wischte sich ein Tränlein aus den Augen, „Du weißt, der neue Förster des Grafen ist selbst ein Windhund und hat aus Diensteifer schon manchen Wilderer unter die Erde gebracht!“ – „Liebchen, unter die Erde kommen wir auch, wenn ich nichts schieße!“, sprach der Beweinte. Und, wie ihr Mann das Haus verließ, beschlich sie eine böse Ahnung, auch wenn er in ganz Ellrich als treffsicherer Schütze berüchtigt war.

Der Forstmann hingegen lauerte schon seit Tagen an den Tränken und Wildwechseln überm Limbachtal und war bald auf die frische Fährte von Männerstiefeln gestoßen. Es musste das Schuhwerk eines geübten Wilderers sein, schloss der Förster, denn kein Tritt war durch Schlamm oder Pfützen gesetzt und doch hatte seine geübten Augen die Spur im dichten Unterholz entdeckt. Sie führte ihn geradezu auf einen Bergrücken, von dem man aus das ganze Vorland des Südharzes überblicken konnte und dort, unmittelbar vor dem Förster, saß der Wilddieb am Boden und weidete ein geschossenes Reh aus. „Hände zum Himmel und Waffe weg!“, schrie der Forstmann mit seinem Gewehr im Anschlag, „Bin unbewaffnet!“, erwiderte der Mann aus Ellrich und fügte hinzu, „Mein Gewehr hängt links von Ihnen am Baum!“ Tatsächlich, der Forstmann lugte zur besagten Stelle, sah dort die Flinte hängen und lachte: „Nur ein törichter Schussel, legt sein Schießeisen weg!“

„Krawumms!“, brach ein Schuss und der Förster kippte tot nach hinten. „Und nur ein Narr meint, dass ein Mann aus Ellrich nur eine Waffe trägt!“, sagte der Wilderer, der sich jäh umgewandt und den Förster niedergestreckt hatte, um gleich darauf seine zweite Flinte neu zu bestücken. Man könne schließlich nie wissen, wer noch so alles aus dem Buschwerk brüllt. – Weil eben hier das Blut des unbarmherzigen Försters den Boden rot färbte, nennt man den Ort noch heute den „Roten Schuss“. Andere meinen, der Bergnamen würde von dem roten Porphyrit stammen, der an dem Steilabfall offen zutage tritt.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne)