87 – Der Volkmarskeller

87DIE SAGE VOM VOLKMARSKELLER

Wo kann man heute noch ein gottfrommes Leben führen? Ach, die Welt um mich herum ist hektisch und laut. Verworren sind die Intrigen und die Spiele derer, die nach Macht und Reichtum und unvergänglicher Schönheit suchen – das ermüdet mein Herz. Wie Vögel im goldenen Käfig, gieren sie nach immer mehr goldenem Tand. Ja, ohne zu merken, dass es das Golde ist, was sie gefangen nimmt und der Platz im Inneren immer enger wird. Nicht mit mir! Ich möchte Gott sprechen hören und Gottes Schönheit in den Dingen sehen lernen, doch wo? Wo nur, wo?“

Volkmar grübelte und immer wieder zog es ihn aus den Menschenansammlungen der Städte und Schlösser in die Waldeinsamkeit des rauen, großen Harzwaldes. Dort auf einer ziemlich hohen Klippe, unter welcher ein schöner heller Brunnen hervorquillt, entschloss er sich ein strenges Leben in Fasten und Beten zu führen und es der Klausnerin Liutbirg von Wendhusen gleichzutun.

Stille Brüder begaben sich zu ihm und versuchten die gleiche Lebensart seines frommen Dienens. Den Spenden der umliegenden Gehöfte zum Dank, blieb man am Leben und nach und nach gereichte das karge aber strebsame Dasein allen zum leiblichen und seelischen Wohl. Man betrieb Fischfang und schönste Marmelsteine wurden gebrochen und bald erwuchs in der einstgen Wildnis ein kleines Kloster. Schon stand auf den Höhlen der Einsiedlerei eine neue Kapelle. Die Mönche meinten das Grabmal der Jungfrau Maria oder zumindest einige ihrer Reliquien in Besitz zu haben, die Heinrich der Vogler einst gestiftet hatte und die Menschen strömten zu Aberhunderten in den Wald nah der „Blanken Burg“. Stetig wuchs die Schar der Pilger und der „Volkmarskeller“ bekam den Ruf, Stätte des ewigen Heils zu sein

Doch allem Guten wohnt des Teufels Funken inne! Bruder Volkmar betrachtete dunkle Macht die stetig zunahm mit Sorge. Noch überwog die Kraft der Dankbarkeit, die er in sich spürte, da er meinte, an Gottes lichter Schöpfung mitzuwirken. Als aber die Mönche mehr und mehr in Zwietracht darüber gerieten, wer denn als neuer Abt des Klosters einzusetzen wäre, sah er die bisher finsterste Stunde gekommen. Viele Brüder meinten Volkmar müsse ihr Hirte werden und selbst sah er, wie sich Stolz in sein friedvolles Herz einzuschleichen versuchte um dort feste Wurzeln in den dunklen Tiefen des Egos zu schlagen. So lehnte er die hohe Bürde ab, um die sich gleich drei andre schlugen. Der Tugendhafteste sollte der Klostervorsteher werden, worauf die Mönche sich mit neuen Regeln überschlugen. Ein Weib zum Beispiel, trage den Keim der Verführung und Sünde in sich, weshalb eine solche Teufelsbuhlerin nicht einmal angesehen werden dürfe.

„Wer alle Zeit von Regeln spricht,
hat nur Tabus vor Augen.
Wer scheut der Frauen Angesicht –
verschließt sich auch vor Gottes Licht –
kann nicht zur Liebe taugen!“,

sprach Volkmar lächelnd und setzte hinzu: „Ein hilfesuchender Mensch, gleich ob Mann oder Frau ist ein Kind Gottes. Ist es eine Sünde unsere Schwester Liutbirg anzusehen? Mir wird noch jetzt warm ums Herz, wenn ich mich ihres Blickes erinnere. Duldet ihr die Jungfrau Maria in unsrer Kapelle nur, weil ihr Körper tot und verwest ist und sie eure Gelüste nicht mehr anzusprechen vermag?“
Böse Blicke erntete Volkmar von all denen, die sich um die höchsten Ränge im Kloster stritten. Er spürte nahezu, wie das Licht aus der Kapelle wich, wie Gottes Lächeln schwieg und die heiligen Kutten zu Fassaden dunkler Schatten wurden. Am selben Tag verließ er den Ort, nur um noch tiefer in den Wald zu ziehen.

Wenige Jahre dauerte es, dass sich die „frommen Mönche“ eines Besseren besannen: „Eure Halberstädter Eminenz, durch die Wirren der Kriegszeit sind unsere geistlichen Brüder höchst beunruhigt. Räuber und Buschklepper haben unseren lieben Harzwald sehr unsicher gemacht. Auch ist es durchaus nicht zu akzeptieren, dass schwache Heilsuchende einen so entlegenen Wald mitsamt seinen hohen, rauen und unfruchtbaren Klippen erklettern müssen. Wir ersuchen euch daher um Erlaubnis und Unterstützung ein zwischen Blankenburg und Heimburg vor dem Harzwalde gelegenes Gut, Evergodesrode genannt, zu unsrer neuen Wohn- und Beetstatt umzumünzen.“ Der Halberstädter Bischof gewährte dies nach einer Einigung gerne und war voller Trauer, als er erfuhr, dass Bruder Volkmar von Buschkleppern verschleppt und sicher längst getötet worden war. „Äußerst tragisch!“, lallte er ohne den goldenen Weinkrug abzustellen.

Bruder Volkmar aber, der zog mit den „Buschkleppern“, Verstoßenen und armen Heimatlosen in den leer stehenden Volkmarskeller zurück. Dort lehrte er noch Jahre das Prinzip des „Kommens und Gehens“ und was dies mit dem „Glücklich- oder Bei-Gott-sein“ zu tun hätte. Warum man diese vornehme Behausung aufgab, fragten die Klausner immer wieder, die sich in den schlichten Kellerräumen sitzend reich beschenkt fühlten.
„Ich denke, die hohen Mönche waren selbst nur zu müde, mit ihren Füßen zu beten und Gott auf den hohen Bergen nah zu kommen. Unten im Tale ist man nur den Ablenkungen näher und den Weibern, die sie in der Öffentlichkeit verteufeln und nach denen sie sich im dunklen, einsamen Kämmerlein so schmerzlich verzehren.“ (aufgeschrieben von Kiehne)