81 – Der „Dedingstein“ im Heers

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Es war in einer tiefdunklen Nacht zum Dienstag, dem Tag des „Dings“, in der das aufgebrachte Volk vor vielen hundert Jahren am Dedingstein in den Sandhöhlen zusammenkam. „Gerechtigkeit“ schrien die Bauern, Knechte und Mägde, „Sichere Straßen“ und „Freiheit von dem Joch“ und ein Toben und Klatschen begann, als das Feuer oben auf dem Regenstein zu lodern begann. Erleichterung lag in allen Herzen, denn dieses Mal würde der Raubgraf nicht mehr davonkommen. Mit der aufgehenden Sonne, wäre er endlich gerichtet.

Das Feuer auf der Feste, verhieß den einfachen Leuten, dass auch die Edlen zustimmten, den Raubgrafen vor aller Augen zu femen, also zu verurteilen. „So sei es denn!“, sprach der Richter, welcher, inmitten der Menge auf den umliegenden Felsen, gut sichtbar auf dem Dedingstein stand. Und wie der Mann zu reden anhob, breitete sich eine fast gespenstige Stille an den Sandhöhlen aus – alles schwieg andächtig und jedes richterliche Wort drang durch die Senke, an den Waldrand und sogar zu den Rittern auf den Regenstein empor. Selbst oben auf der Feste, hörte man jedes tief im Tal gesprochene Wort ganz klar und deutlich:
„Viel zu lang hat er euch der Raubgraf mit den Seinen drangsaliert. Er hat gestohlen und gemordet, Postkutschen überfallen und selbst gegen uns seine Eide gebrochen. Doch er bestreitet alles.“, klagte der Redner und die Menge raunte verächtlich. „Gibt es einen unter euch, der gut Rede für den Beklagten zu halten weiß?“, fragte der Richter in die Menge und fügte hinzu, „Dann melde er sich, rede jetzt oder schweige für alle Zeiten!“
Eine Totenstille hing über dem Gerichtsplatz und nicht einmal der Wind wagte es zu säuseln. „So sei es!“, sprach der Richter, „Soll Gott sein Urteil über den Raubgrafen verhängen! Der Frevler möge beginnen, von der Königsfeste zu uns herabzusteigen. Und wenn unser Herr im Himmel es so will, so möge er den in Ungnade Gefallenen, sicher zur Erde geleiten!“

Der Raubgraf stand mit butterweichen Knien oben auf dem Regenstein, eben der Feste, von der er aus noch vor wenigen Tagen verächtlich auf das Volk herunter spuckte. Nun hörte er die Menge johlen und wusste, ein Gottesurteil würde über ihn entscheiden. Käme er vorm Morgengrauen unten an, wäre er gerettet, wäre weiterhin Graf über den Harzgau und niemand würde sich wagen, seine Taten in Zukunft anzuzweifeln. Und er würde sich furchtbar rächen und im Gedanken daran, presste er wütend seine Lippen aufeinander. Würde er aber die 150 Meter in die Tiefe fallen, bräuchte er sich darüber nie wieder Gedanken zu machen. Allen Mut zusammennehmend, begann er behutsam mit dem Abstieg. Immer wieder rutschten seine Füße auf dem sandigen Boden weg; Wurzeln, an denen er Halt suchte, gaben nach; doch die größte Kraft, kosteten die Gedanken daran, dass eben am Dedingstein wirklich niemand für ihn vorsprach.

Nach drei langen Stunden des Kletterns krochen die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont und bemalten den Regenstein. Mit letzter Kraft hatte er gerade erst die Hälfte des Abstiegs hinter sich gebracht, war aber bereits ganz ein anderer Mensch geworden. Geläutert durch blutige Hände und Füße. Zitternd krallte er sich noch an einer jungen Birke fest, bis die Sonne langsam, doch unaufhaltsam zu ihm herabstieg. Sie wärmte sein Herz, umfing liebend seinen Geist und bat ihn eindringlich, endlich loszulassen. Was er tat!

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne, nach Grosse u.a., 1939)