80 – Ein einziger Schuss

80 - 1EIN EINZIGER SCHUSS

1757 war der Regenstein von Franzosen nahezu kampflos erobert worden. Von der sicheren Feste aus drangsalierte der Feind nun alle umliegenden, friedlichen Städte bis aufs Äußerste. Die Forderungen waren oft kaum zu erbringen: Einmal rückten 10.000 Franzosen in Halberstadt ein, verlangten 200.000 Reichstaler, 3000 Pfund Butter und 500 Pfund Talglichter, sonst würde man die Stadt zum Glimmen bringen. Zudem sei neben dieser Kleinigkeit nach ihrem Abzug die französische Garnison auf dem Regenstein täglich mit Lebensmitteln zu versorgen.

Am 12. Februar 1758 sollte damit Schluss sein. Der preußische Prinz Heinrich, zugleich General, stand mit einem Füsilierregiment und einer Artillerieabteilung vorm Regenstein und forderte die Kapitulation. Der französische Kommandant lachte nur über diese Dreistigkeit, war doch die stolze Feste mit Kanonen und Mannen aufs Beste besetzt, die Mauern repariert, verstärkt und noch niemals überrannt worden. Zudem waren die Vorratskammern des Felsennestes zum Bersten gefüllt!

„Oh là là, comme le Seigneur veut parce conquérir le Regenstein ? », spottete der französische Kommandant auf der trutzigen Ringmauer stehend. « Was will er ? », fragte Genreral Heinrich achselzuckend. « Wie Sie die Feste einzunehmen gedenken, fragt er ! », übersetzte ein Offizier zu seiner Linken. « Mit unseren Kanonen ! », entgegnete Heinrich entschlossen, doch der Franzose verhöhnte ihn nur : « Idiots ivres ! Ihr féderlose Adlérköppe schießt doch nur mit gròßen Wòrten! Wie boiteux Mauérsegler werden eure Prussischen Uniformes von unséren murs auf den Mors fallen. » « Er sagte … ! », begann der preußische Adjudant zu übersetzen, aber Heinrich wehrte empört ab. « Ich habe genug gehört ! « Sein Blick hatte sich verfinstert als er sein Pferd wendete und mit den Offizieren zum nahen Papenberg ritt.

Diese Hügelkette war dank Heinrichs Artillerie auch schnell gewonnen, dort mit Manneskraft eine Schanze aufgeschoben und ein preußisches Geschütz ausgerichtet. Die Kanone schoss ein einziges Mal, es krachte und bevor die Franzosen auf dem Regenstein verstanden was geschehen war, hörten sie drüben auf dem Papenberg laute Jubelrufe ihrer Gegner. Kurze Zeit später hisste der französische Kommandant die weiße Fahne und kapitulierte bedingungslos!

Was war geschehen? Die Preußen kannten freilich ihre eigene Feste gut genug, um zu wissen, dass Männer, Kanonen und Lebensmittel allein nicht genügten, um eine Belagerung zu überstehen. Zuallererst bedurfte es des Trinkwassers und genau darauf hatten es die Preußen abgesehen. Mit dem einzigen Schuss trafen sie das Brunnenhaus des Regensteins und zerstörten die komplette Wasserversorgung. Der französische Kommandant gab sich daraufhin mit 77 Mann in Gefangenschaft und wurde in die preußische Festung Magdeburg gebracht. Erbeutet hatte man von den Franzosen 9 Kanonen, 6 große Feldschlangen, 3767 Kanonenkugeln und 4 Wagen mit Musketen. Das vorgefundene Vieh wurde verkauft.
Sämtlichen aufgefundenen Sprengstoff, insgesamt 85 Zentner, benutzte man um die eigene Festung zu sprengen! Empörte Aufschreie gingen durch Blankenburg: „Weshalb die eigene Bastion aufgeben? Warum das Adlernest schleifen?“ Doch freilich war es allen klar: Die tausendjährige Feste war wegen der heutigen Waffen nicht mehr zeitgemäß. Wenn die Preußen mit einem einzigen Schuss ein solches Bollwerk erobern können, ist es auch den Feinden von Morgen möglich. Am 28. Februar 1758 ließ Prinz Heinrich seinem Bruder dem König vermelden, dass der Regenstein „vollständig demolieret“ wäre und keine Gefahr mehr darstelle.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne)

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