79 – Die weiße Frau von Blankenburg

Weiße Frau (2)

Einst hielt am alten Blankenburger Schlosse ein Soldat seine Wache. Mitten in der Nacht kam ein Burgfräulein zu ihm, von wunderschöner und gänzlich weißer Gestalt und bat ihn inbrünstig mit ihr zu kommen, es würde sein Schaden nicht sein. „Ich kann nicht Ihnen gehen, wertes Fräulein, meine Wacht hat erst begonnen!“

Wie er das Erlebte am nächsten Tag seinen Kameraden erzählte, drangen sie auf ihn ein und meinten durch die Bank weg, er solle es versuchen der Jungfer zu folgen.
Als sich das Spiel in der Folgenacht tatsächlich wiederholte, folgte die Wache der Jungfrau. Sie führte ihn in eine Höhle unterm Bielstein am Ziegenrücken, in der ein Tisch stand. Unter dem Tisch saß ein riesiger Hund, der den Soldaten streng im Blick behielt. Oben auf stand ein Hahn. „Töte den Vogel, dann bin ich erlöst und will ich dich reich belohnen!“, bat die weiße Frau.
Doch ein jedes Mal, wenn der Soldat auf den Hahn anlegte, knurrte der Hund unterm Tisch fürchterlich und bleckte seine gewaltigen Zähne, worauf der Mann allen Mut verlor.

Plötzlich läuteten die Kirchenglocken am Blankenburger Schlosse und auf einen Schlag waren Jungfrau, Hahn und Hund verschwunden.
Erst gegen Mittag des Folgetages, fanden die Kameraden den Soldaten wieder. Lange brauchten sie, um ihn aus dem todesähnlichen Tiefschlaf zu wecken und waren ganz erschrocken, als sie seine Geschichte erfuhren.
Man sagt, wer es vermögen würde, seiner Angst zu wiederstehen und den Hahn wirklich zu schießen, der hätte den Ziegenrücken von den Mächten der Finsternis und die irrlichterne Jungfrau befreit.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne nach Bartens, alte Illustration im „Schwarzen Führer“ vom Harz)