71 – Der Rosstrapp & der Opferfelsen

71DER OPFERFELSEN AM ROSSTRAPP

Dunkel ist die Nacht des Neumonds, nur wenig Fackeln flackern gegen den Wind – gehalten von vermummten Gestalten. Eine gespenstige Stille, nur vom Brausen der Bode und dem Sausen der Lüfte durchdrungen.
Heute müssen große Opfer gegeben werden, nicht nur Münzen oder Wein. Wotan fordert ein Leben, ein menschliches. Damit wieder Friede mit dem Nachbarn wid, dass der lange Winter endlich endet, dass der Geist der Beulenkrankheit von der Sippe weicht.
Der Druide gibt seinen eigenen Sohn, hat der doch über den heiligen Platz Unglück gebracht, indem er neue Gebete flüstert, neue Zeichen schreibt, ungehörig denkt – er muss einfach gehen, dass das Alte bleibt.

Und der Junge denkt bei sich: „Ich muss gehen, dass ich ins Neue, ins Himmelreich komme.“
Nein, er hat keine Angst vorm Sterben – allen die er liebt, graut eher vorm Leben. Langsam geht er den dürren Holzsteg entlang. Nie war er auf diesem Felsen, nie sah er den „schreienden Krieger“ in solcher Nähe.
Stufe für Stufe schreitet er in die Höhe, die letzten 3 Schritte dieses Lebens, noch zwei, noch einer … und dann ist er da. Vor ihm klafft die Schlucht, unten tobt die Brandung, hier oben tobt das Volk. Es jubelt ihm zu und tanzt in Ekstase.

Nur einer steht stumm am heiligen Trapp, denn ihm blutet das Herz: „Mein Sohn!“ Wie gern würde der Druide die Zeremonie beenden, würde nun sich statt seinem Kindlein geben, doch es ist zu spät, der Gong schreit sein erstes „Bonnggg“ über das Plateau.

Im Herzen ist der Junge ganz still, doch mit dem zweiten Gong erzittern seine Knie. „Ich möchte angstlos gehen!“, denkt er sich und erinnert sich an sie, an die Eine, für die er alles gegeben hat. Einen neuen Glauben nahm er für sie an. Eine Umarmung und ein einziger, sinnlicher Kuss, war es ihm wert gewesen, jetzt hier oben zu stehen! Beim dritten Gong verbeugt er sich gen Norden, schließt seine Augen, reißt die Hände gen Himmel und lässt sich nach hinten in die Tiefe fallen. Lautlos wird sein Körper von der Dunkelheit verschluckt.

(aufgeschrieben von Kiehne)

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DIE ÄLTESTE SCHRIFTLICH ÜBERLIEFERTE SAGE
… VOM ROSSTRAPP

„Eine königliche Jungfrau aus den Harzlanden hatte ihrem Vater den königlichen Schatz und die königliche Krone entwendet.
In Zauberkünsten erfahren, entfloh sie damit auf einem geschwinden Rosse, und als man der Diebin nachjagte, versuchte sie in einem Sprunge über das ganze Bodetal zu setzen.
Das Zauberross sprang aber etwas zu kurz, so dass es nur mit dem Vorderhuf auf den Felsen schlug, stürzte rückwärts in den Abgrund und ging im Wasser zugrunde.
Krone und Schatz wollte ein „bekannter“ Fürst durch einen Wassertaucher herausholen lassen. Dieser wurde aber von bösen Geistern getötet und also wieder heraus gebracht.“

(aufgeschrieben in Kiehne „Mythen, Sagen und Märchen um und über Thale“, nach Knappe, 1644)