7 – Von einem der meint, er kenne keine Furcht

7VON EINEM DER MEINT, ER KENNE KEINE FURCHT

Zwei Venediger kamen in der Nähe des Brocken an ein kleines, am Walde liegendes Häuschen und baten um Nachtquartier.
Dem die Hütte gehörte erlaubte ihnen zu bleiben, gab ihnen Abendbrot und führte sie am andern Morgen noch nach dem Brocken.

Dort deckte der eine Fremde, der ein Venediger war, an einer Stelle den Rasen auf, der Andre pflückte von gelben Blumen alle Knöpfe ab. Der Erste brachte nassen Grand aus der Höhle, der Andre hatte Feuer angemacht, den Grand und die gelben Knöpfe taten sie in einen Tiegel und sie schmolzen Luffen (den groben Guß auf den hohen Öfen, der nachher erst in’s Feine gearbeitet wird) davon.
Der Mann wolte auch ein paar Stücke abhaben, sie aber sagten, für dies Jahr wäre es zu spät, auf’s Jahr würden sie ihn wieder abholen, dann solle er’s ihnen sagen, ehe sie in die Grube stiegen. Darauf brachte er sie wieder nach Harzburg und sie blieben die Nacht wieder in seiner Wohnung. Abends war in seiner Stube mehrere Gesellschaft, darunter auch ein Säge- oder Schneidemüller, der oben im Hause wohnte. Es wurden mehrere »Märeken« von Gespenstern erzählt.

Hierauf aber sagte der Sägemüller, er würde sich vor gar nichts, vor allem nicht vor solchem Zauber-Schmarrn fürchten. Da sprach der eine Venediger: „Du nix Furcht? Komm, komm man ruff in mané Wohnstubé. Du weißt, dé Fensterchlas is káput. Chlaub man, du fürchtest dich wie jedé Andere vor dem, was da ’neinkommt.“
So gingen beide hinauf, der eine zu beweisen, dass er furchtlos sei, der andere um ihm das Gruseln zu lehren. Der Venediger setzte dem Mutigen einen Stuhl mitten in die Stube vor das zerbrochene Fenster. Er selbst setzte sich an den Tisch, auf dem ein steinaltes, goldverziertes Buch lag. Seltsame, verschnörkelte Letter waren darauf zu sehen, die der Sägemüller nicht zu deuten wusste, ihn aber an Nattergezücht erinnerten. Nun sollte er dem Vendediger versprechen, sich nicht zu rühren, keinen Ton von sich zu geben und nur auf die Fensterscheibe zu achten.

Der seltsame Fremde begann in einer fremden Sprache vor sich hin zu murmeln und bald kam eine Art Schlangenkopf zur Fensterscheibe herein, wurde immer länger und ging pfeilschnell auf den Müller los. Der Venediger las so lange, bis der Schlangenkopf ungefähr noch einen halben Fuß vom Gesichte des Mutigen entfernt war. Beinahe wäre der vor Angst in Ohnmacht gefallen, als der Venediger aber die Schlange wieder in den Wald zurück las. Als sie ganz fort war, fragte er wieder: ob er nun noch sagte, daß er keine Furcht kenne. „Nie widder werd ich so’n Stuss sabbeln!“, entgegnete er, worauf der Venediger zufrieden lächelte und meinte, er solle es vor allem nicht in Gesellschaft fremder Menschen tun, von denen er nicht wüsste, was ihr Handwerk wäre.

(aufgeschrieben von Kiehne, nach Pröhle, 1886)