60 – Der mutige Köhler

Nahe beim Brocken, unweit des Ortes der heute den Namen Hasselfelde trägt, hatten drei Brüder einst ihre Köhlerhütte und einen großen Meiler stehen. Tagein und tagaus waren sie damit beschäftigt, zu sehen, dass das verkoken gelang und die Glut ihres Meilers nicht erlosch. Dafür musste sie mit langen, hölzernen Stangen tiefe Löcher in den abgedeckten Kohlenhaufen stechen, so dass genug aber nicht zu viel Luft nachzog.
Eines Nachts aber, als der Jüngste der Brüder die Nachtwache innehatte, bemerkte dieser, dass über ihrem Meiler kein Qualm mehr stand. „Maan Jott, die Glut is erloschen, alle Orbaat umsonst, maane Brüder wer‘n mich schelten!“, dachte er, sah aber in diesem Moment auf und ein seltsames Glimmen, das aus dem dichten Wäldchen vor ihm zu dringen schien. Tatsächlich, keine fünfhundert Meter von ihm, mussten andere Köhler ein kleines Feuer entzündet haben. Der junge Mann beschloss also von dort neue Glut zu besorgen, was weniger aufwendig wäre, als sie hier neu zu entfachen.
Wie er aber näher an die Feuerstelle des Waldes kam, gewahrte er einen riesigen Kerl der sich mit seinem gewaltigen Körper auf eine Tanne stützte und einem Häuflein Zwerge zuschaute, die munter um die Brandstelle sprangen. Der Riese, der nur der „Wilde Mann“ sein konnte, pfiff eine skurrile Melodie, während die Wichtel fremd klingende Verse sangen.

Der Köhlerbub räusperte sich, sagte „Verzaahung, die Herrn“, doch niemand nahm ihn wahr. Selbst als er den Großen antippte und um einen glühenden Holzscheit bat, rührte sich der Wilde Mann keinen Millimeter. „Wat soll‘s!“, dachte sich der Köhler, schlüpfte mitten durch die Reihe der Zwerge, nahm ein zur Hälfte brennendes Holzstück, bedankte sich artig und schlüpfte rasch im dunklen Wald davon. Wie er aber zu seinem Meiler kam, war das Holz erloschen. „Saa‘s drum, jehe ich halt nochaanmal!“, worauf er beherzt ein zweites Holz holte. Auch dieses Mal aber war das Holz kalt und dunkel, kaum hatte er den Wald hinter sich gelassen. Wie der Köhler nun ein drittes Mal am Wilden Mann vorbei in den Kreis der Zwerge sprang, brüllte der Große auf, so dass die Bäume ringsum knackten und zu Boden brachen. Schon hatte der Wilde Mann seine Tanne ergriffen, wirbelte sie herum und schlug damit auf den Köhler ein. Mit Mühe und Not, konnte der dem Hieb ausweichen, worauf der Baum das Feuer der Zwerge ausschlug. Nun krachte und polterte es durch den Wald, das Erdreich bebte und brach in sich zusammen. Der Junge konnte sich retten, aber sah, wie er sich umblickte, keine Spur mehr von den Zwergen und dem Riesen. Einzig der tiefe Krater zeugte vom Geschehenen.

Die beiden älteren Köhler, die aus dem Schlaf hochgeschreckt waren und besorgt um ihren kleinen Bruder herbeigelaufen kamen, glaubten ihm kein Wort. Erst als sie die beiden verkohlten Holzscheite des Wilden Mannes sahen – ganz und gar hatten die sich zu Gold verwandelt – da gaben sie zu, dass alles wahr sein musste. Mit diesem Schatz hatte es jedoch eine seltsame Bewandtnis, denn alles was sie von jenem Tage anpackten misslang und zog ein Unglück nach dem anderen an. Erst als die drei beschlossen, das Gold an Ort und Stelle des Geisterfeuers zu vergraben, es wieder dem Wilden Mann und der Erde zurückzugeben, da war ein dauerhaftes Glück mit ihnen!

Heute steht eben dort, wo einst die Brandstelle vom Wilden Mann gewesen, die Harzköhlerei Stemberghaus und wird mit großem Erfolg geführt!

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne > http://www.harzkoehlerei.de/)