34 – Der Teufel und der Brunnenbauer

34DER TEUFEL UND DER BRUNNENBAUER (Stempelnummer 34)

Graf Christian beschloss eines Tages eine Wasserleitung zu seinem Schloss legen zu lassen. Zu beschwerlich war für seine Knechtschaft das Hinaufrollen und Schleppen der Fässer bis zur Feste, vor allem in allzu kalten Wintern. Damals lebte in Wernigerode der Brunnenbauer Wittneben, der den Auftrag bekam die Leitungen zu legen. Ein guter Lohn winke ihm, wenn er es vollbringen würde. Wenn er aber scheitere, könne er sich doch getrost eine andere Heimat suchen.
Was sollte der Brunner tun? Er musste dieses Wagnis eingehen, doch überall wo er grub, stieß er auf hartes Gestein. In seiner Verzweiflung ging er zu einer bekannten Wernigeröder Wahrsagerin, die ihm verhieß, er würde scheitern, wenn er nicht den Teufel zur Mithilfe bewegen würde, der lasse sich öfters am scharfen Stein über der Stadt sehen. „Der Teufel? Der will für seine Hilfe doch sicher meine Seele!“ Sie gab ihm recht, lachte aber und flüsterte ihm ins Ohr, wie Urian zu nasführen wäre. Zum Abschied rief sie ihm nach: „Vergiss nicht, der Teufel ist dumm und wir Harzer sind schlau!“

Zur selben Nacht durchstreifte der Brunnenbauer die düsteren Täler um Wernigerode, zog mit enger Brust den Scharfenstein empor und rief dort nach dem Teufel. Der kam auch gleich und sagte dem Menschen tatsächlich seine Hilfe zu, bekäme er nur die Seele. „Erst will ich die vollendete Arbeit sehen, dann siehst du deinen Lohn.“, sagte Wittneben entschlossen. Damit war der Gehörnte zufrieden, zog mit seinen Höllengehilfen nach Wernigerode und vollbrachte das Gewünschte leicht. „So, das Werk ist vollbracht – ich will meinen Lohn!“, grummelte der Teufel am nächsten Morgen und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Gut, du bekommst die Hälfte von dem Gold, das mir versprochen ward!“, sagte der Brunner. „Ich will deine Seele!“, schnaubte der Gehörnte, „Ich will nichts and‘res sehen!“ – „Meine Seele? Nein, das war nicht vereinbart. Aber du bekommst dreiviertel des Goldes!“, lächelte Wittneben, was Urian fuchsteufelswild machte.
Da geschah, was die Wahrsagerin verhieß: „Wenn du den Teufel narrst und wütend machst, dann zieht so dichter Nebel auf, dass du die Hand vor Augen nicht sehen kannst. Also sage ihm „Du willst das fertige Werk sehen!“ – das wird er dir dann grummelig nicht erfüllen können.“

„Ich sagte, ich will die Leitungen sehen!“, lachte der Brunner. „Kannst du in diesem Nebel irgendwas erkennen? Sogar das Schloss ist vom Himmel verschluckt. Ach Teufelchen, lass doch in Gottes Namen von meiner Seele ab!“
Da erkannte der Teufel, dass ihn wieder mal ein Menschlein an der Nase herumgeführt hatte und verschwand mit lautem Getöse in Richtung Brocken. In Wernigerode hat man ihn seitdem nie mehr gesehen. Der Brunner aber bekam vom Grafen den versprochenen Lohn und konnte bis zum Lebensende recht gut damit leben.

(aufgeschrieben von Kiehne nach Schrader, 1941; Foto von Jens Friedrich