30 – Die Flut aus dem Nordland

30DIE FLUT AUS DEM NORDLAND (bei Ilsenburg)

Als einst das Wasser der Nordsee die Thäler und Ebenen von Niedersachsen überschwemmte, flohen ein Jüngling und eine Jungfrau, die sich schon lange liebten, aus dem Nordlande dem Harzgebirge zu, um hier ihr Leben zu retten.
Mit dem Steigen des Wassers stiegen auch sie immer höher und näherten sich immer mehr dem Brocken, der ihnen von der Ferne her eine sichere Zuflucht darzubieten schien. Endlich standen sie auf einem ungeheuren Felsen, der weit über dem wogenden Meere hervorragte. Von hier sahen sie das ganze umliegende Land von der Fluth überdeckt, und Hütten und Thiere und Menschen waren verschwunden.
So standen sie hier einsam und starrten in die Wogen hinein, die an dem Fuße des Felsens sich brachen. Doch noch höher stieg das Wasser und schon dachten sie darauf, über einen noch unbedeckten Felsenrücken weiter zu fliehen und den Brocken hinauf zu klimmen, der wie eine große Insel über die wogende See hervorragte.
Da erbebte unter ihren Füßen der Fels, auf dem sie standen, spaltete sich und drohete in einem Augenblick die Liebenden zu trennen. Auf der linken Seite, dem Brocken zugewendet, stand die Jungfrau, auf der rechten der Jüngling. Fest waren ihre Hände in einander geschlungen. Die Felsenwände bogen rechts und links aus und die Jungfrau und der Jüngling stürzten mit einander in die Fluthen.

Ilse hieß die Jungfrau; sie gab dem reizenden Ilsethal, der Ilse, die es durchströmt, und dem Ilsenstein, worin sie noch hauset, den Namen. (aufgeschrieben in den „Volcks-Sagen von Otmar, um 1800)