22 – Köhler & Venediger am Brocken

22KÖHLER & VENEDIGER AM BROCKEN (Stempelnummer 22)

Ein Köhler kohlte oben am Brocken, als ein Venediger des Weges kam und um ein Nachtquartier bat. Als Dank für Unterkunft und Brotsuppe, meinte der Fremde, solle der Köhler des nachts um 11 Uhr mit auf eine Wiese kommen, versprach ein gutes Geschäft und gab ihm dafür genaue Anweisungen, wann er zu reden und zu schweigen hätte. Als der Köhler Einwände hatte und meinte, er könne nicht mitkommen, weil ansonsten sein Feuer ausginge, schritt der Venediger dreimal um den Meiler, mit seltsamen Sprüchen das Feuer beschwörend, damit es nicht erlöschen würde.

Verwundert folgte der Köhler da dem Venediger zur besagten Zeit und als sie in einem dunklen, mystischen Walde standen, den der Harzer nie zuvor gesehen hatte, zog der Fremde ein Buch aus der Tasche, las daraus vor, worauf es plötzlich Tag ward und beide Männer auf einer Wiese standen.
Hier wuchsen lauter Johannisblumen und dem Köhler wurde geheißen ein gutes Sträußchen davon zu pflücken. Der Fremde weissagte, es würden dem Köhler in diesem Jahre noch 3 Pferde sterben, er solle ja das Sträußchen gut aufheben. Wenn die Rosse zugrunde gingen, solle er in die Stadt gehen, einen töpfernen Krug und auch 3/4 Maß Braunbier kaufen, es mit dem zerschnittenen Sträußchen in den Topf geben und alles für 48 Stunden in die glühenden Kohlen seines Meilers stellen. Anschließend möge er den Topf 8 Tage unter die Erde geben. Wenn er ihn dann aufmache, so würde er sein Glück schon sehen.

Wirklich ging dem Köhler nach 6 Wochen ein Pferd kaputt und nach 14 Tagen wieder zwei. Als er den Topf ausgrub, war so viel Gold darin, als er Braunbier hineingegeben hatte. So konnte er neue Pferde, eine Hütte mit Stallung und einen großen Acker kaufen.

(aufgeschrieben von Kiehne nach Grässe, 1847; Foto von Thomas Hollburg)