216 – Stolberg gleicht einem Vogel

20161023_143503STOLBERG GLEICHE EINEM VOGEL
oder: „Weshalb Luther meint, ihm würd‘ der Arsch brennen!“

„Schön ist der Frühling in unseren Gefilden, nicht wahr Martin?“, fragte Wilhelm Reiffenstein seinen Freund Martin Luther um ihm beim Frühlingsspaziergang aus seinen schweren Gedanken zu befreien.Die letzten Tage, Wochen und Monate im Jahre 1525 unseres Herrn, waren nicht spurenlos an Luthers Körper, Gesicht und Haarfarbe vorüber gegangen. Im großen Ganzen schien es, glaubte Reiffenstein, als welke sein Freund, konträr zum aufblühenden Harzer Walde.

„Ach, ich genieße nur die Ruhe Wilhelm. Ich labe mich an jedem unserer stillen Schritte, während um uns herum, die Welt bald sturmgepeitscht in Stücke geht.“, entgegnete Martin.
„Da wo Satan es nicht selbst mit Faust und frevelhafter Gewalt vermag, Unfrieden zu stiften, greift er nach irrigen Geistern und spricht durch sie mit falscher Zunge. Und da wo Satans Blutvergießen durch Juden und Heiden nicht helfen wollt‘, setzt er nun auf falsche Propheten und Ketzer, wie diesen >auffrurischem geyst< Thomas Müntzer, der aus diesem himmlisch schönen Stolberch kommt!“

„Sieh Wilhelm“, sprach Luther der nach dem Aufstieg fast außer Atem war und mit seiner Hand auf die Stadt unter ihm zeigte: „Ich will dir ein Gleichnis geben. Sieht diese reiche, friedliche Stadt, diese Wohnstatt Gottes, nicht aus wie ein Vogel? Das Schloss ist sein Kopf, die beiden Gassen die Flügel, der Markt bildet seinen Rumpf und die Niedergasse ist der Schwanz.“

Der Vergleich war treffend fand Reiffenstein und nickte fleißig, was Luther dazu einludt weiter zu referieren: „Und dort unten, wo der Vogel also seinen Arsch hat, liegt Thomas Müntzers Geburtshaus! Ich frage dich Wilhelm, was nutzt es einem, ein stolzer Vogel mit prächtigem Gefieder zu sein, wenn der Arsch solche Probleme macht, dass du nicht fliegen kannst? Ich muss es wissen, leide ich doch wie noch nie unter hartem Stuhlgang – aber ich leide, was ich kann!“

(aufgeschrieben von Kiehne, nach http://www.lutherweg.de/nachrichten/31308.html, http://www.stolberger-geschichte.de/Perso…/Muentzer/tmz.html)

NACHTRAG ZUR ERLÄUTERUNG: Anfangs war Müntzer noch Anhänger Luthers, sah sich selbst als Prophet der Reformation und war gewillt, dessen Idee nach Luthers „inszenierter Entführung“ zu vollenden. Doch bald schon wurden sie zu erbitterten Gegnern. Denn während sich Luther auf die Seite der „von Gott gewollten Obrigkeit“ stellte, suchte Müntzer soziale Gerechtigkeit und Freiheit für das unterdrückte Volk. „Wenn die Obrigkeit das von Gott gegebene Schwert missbrauche, um Ungerechtigkeiten zu bewahren, dann versündigen sich die Herren gegen Gott und verdienen es, das Schwert aus der Hand geschlagen zu bekommen.“

Luthers Brief an die Fürsten zu Sachsen „von dem auffrurischem geyst“ Thomas Müntzers, beantwortete der Letztere mit der „Hochverursachten Schutzrede und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg“. Hierin rechnet Müntzer mit Luther gehörig ab.
Der Reformator Luther predigte im April 1525 gegen die aufrührerischen Bauern unter Müntzer in der Sankt-Martini-Kirche zu Stolberg, was wenig Erfolg brachte. Bereits am 4. Mai 1525 besetzten Aufrührer die Stadt und zwangen die Obrigkeit ihre 24 Bauernkriegsartikel zu unterzeichnen.