212 – Der Schatz der Questenburg

Queste - Frank Siebert1

Als zur Zeit des 30jährigen Krieges die Schweden in die Nähe Questenbergs kamen, vergruben die Leute aus dem Ort all ihren kostbaren Besitz und ihr ganzes Geld in einem großen Kessel, den sie tief in den Ruinen der Questenburg versteckten. So sehr man aber auch nach den Wirren des wüsten Krieges den Schatz suchte, er blieb verschollen. Hat ihn am Ende die Soldateska doch gefunden!?

Als viele Jahre darauf nach einem furchtbaren Unwetter ein einfacher Mann aus dem Ort zur Ruine hinaufstieg, den Sonnenaufgang zu betrachten und nachzusehen, wieviel Schaden der Sturm an dem alten Bauwerk verursacht hätte, fiel ihm ein seltsamer Gang auf, den wohl ein Erdrutsch freilegte. Wie er neugierig hinein kroch, stand er plötzlich vor einer großen, lichten Gestalt. „Weil du ein gutes Herz hast, sollst du belohnt werden.“, sagte der Geist, „Aus diesem Kessel nimm ein Goldstück und komme jeden Tag wieder, wenn du es nötig hast. Dann nimm ein weiteres, aber niemals mehr als eins!“ Der Mann griff hastig zu, bedankte sich viel hundert Mal und lief zurück in den Ort, das kostbare Geschenk immer wieder aus seiner Tasche ziehend und bestaunend.

Von nun an ging es mit dem einfachen Mann bergauf. Täglich holte er eines der Goldstücke, doch zu seiner Verwunderung, blieb der Kessel stets bis zum Rande gefüllt. Sein Häuslein wuchs zu einem prächtigen Anwesen heran, er kaufte sich viel Land und Vieh dazu und meinte endlich, dass er es nicht mehr nötig hätte, selbst Hand an die Dinge zu legen. Knechte und Mägde erfüllten das Tagwerk, mit dem er sich einst das Brot verdingte. Die freigewordene Zeit verbrachte er mit Ausritten, Trinkgelagen und Tagträumen. „Was wäre, wenn ich morgen einfach zwei Goldstücke nehmen würde? Ja, so werde ich es halten, ist der Schatz doch eh für mich bestimmt!“, überlegte er und tat es so einen ganzen Monat lang. Doch dann besann er sich: „Weshalb jeden Tag den Berg erklimmen, wenn ich den ganzen Hort auf einmal nehmen kann. Burg, Trinkfeste mit Grafen und Edeldamen, werde ich mir leisten können!“

Gesagt, getan. Am andern Morgen kraxelte er mit großen Säcken den Berg hinauf. Mühsam war es ihm geworden, mit der stetig wachsenden Wampe, den Berg zu erklimmen. Aber dieses Elend hätte bald ein Ende, dachte er und lachte in sich hinein. Wie er den geheimen Zugang betrat, zum Kessel ging und mit beiden Händen in die Goldmünzen griff, da polterte es gewaltig unter seinen Füßen. Dann bebte die Erde, die Wänden rissen und dicker Schwefeldampf quoll in den Raum. Der Mann würgte und rang nach Luft, doch schon gab krachend der Boden nach. Schatz und Gierhals versanken im tiefen Schlund der Erde und waren niemals wiedergesehen. So soll der Schatz noch heute unter den Ruinen der Questenburg liegen. Wenn du ihn findest, weißt du sicher, wie viele der Goldstücke du nehmen darfst!?

(aufgeschrieben von Kiehne nach Gottschalck; vielen Dank an Frank Siebert für das tolle Foto)