21 – DIE JUNGFRAU VON DER ELENDSBURG

21DIE JUNGFRAU VON DER ELENDSBURG

Im Elendsthale ist eine große Klippe. Darin wohnt eine Jungfer, die zeigt sich nachts zwischen 23 und 24 Uhr und trägt einen silbernen Schlüssel in ihrer Hand. Jeder der diesen bisher berührte, bekam eine schallende Ohrfeige. Einst kam der Müller der unteren Mühle zu Schierke mit seinem Gespann von Elend gefahren und passierte im Elendstal eine dichte Nebelwand. Er stieg vom Kutschbock ab, führte seine Tiere ganz langsam und behutsam durch das Dickicht, als es plötzlich laut schepperte. Die Tiere sprangen zur Seite und er fiel, wie betäubt, zu Boden. Es war ihm, als würde er im dichten Nebel dennoch die Sterne sehen. Er hielt sich die rechte Wange die auf ihre doppelte Größe anzuschwellen gedachte. Als er sich endlich wieder aufrappelte, hörte er nur die Jungfer durch die Winde flüstern: „Fass-ihn-nicht-nochmal-an!“

Wem die Jungfer von der Elendsburg ihren silbernen Schlüssel hinhielt, der sollte ihn nur mit einem Stocke ergreifen. Ein Köhler versuchte sich damit. Wie er den Schlüssel hatte, öffneten sich vor ihm drei Tore im Berg. Dahinter lag eine Höhle, in der gesattelte Rosse standen. Die Jungfer hieß ihn, vom Pferdemist zu nehmen, was er auch tat. Wie er aber auf dem Nachhauseweg über eine Brücke kam, kippte er den vermeindlichen Unrat in der Bode aus. Was unten im Flussbett aufschlug und klingelte, war pures Gold.

Der verstorbene, gutherzige Spormann in Elend träumte eines nachts, er solle zurr Elendsburg kommen. Wie er das tat, bekam er von der Jungfer einen Eimer Gold. Damit, sagt man, sei das stattliche Gasthaus »Zur deutschen Eiche« erbaut worden. Es stehen aber noch weitere Eimer voller Gold im Felsen.
Ein anderer Spormann träumte ebenfalls, er solle sich Gold abholen. Als er zur Elendsburg kam, lag dort aber nur eine blutige Pferdelende. Er fluchte, denn er meinte, sein Traum hätte ihn betrogen, worauf die Pferdelende sogleich verschwand. Weil er der Jungfer misstraute, bekam er nichts.

(aufgeschrieben von kiehne nach Pröhle, 1886; Burgenrekonstruktion von Wolfgang Braun)