207 – Venediger im Selketal

VENEDIGER IM SELKETAL

Eines schönen Tages ging der Meisdorfer Förster den Kirchberg hinauf, als er unter einer Eiche zwei unbekannte Männer, in grünen Gewändern sitzen und sich laben sah. „Gott zum Gruß und wohl bekommt’s!“, wünschte er mit einem seligen Lächeln. „Großen Dank!“ erwiderten sie freundlich. „Wollt ihr unser Gast sein, Jäger? Kommt und setzt euch!“.
Der Waidmann folgte der Einladung gerne und ließ sich das Vorgesetzte munden. Doch war es anfangs ein reges Gespräch, so wurde über die Zeit seine Zunge aber immer schwerer, die Augen fielen ihm zu, bis sein Körper eingedämmert ganz zur Seite weg ins Waldmoos glitt.

Als er die Augen endlich wieder auftat, war die Verwunderung groß: Er befand sich scheinbar in einer wildfremden Gegend, weit vom Harze entfernt. Eine goldene Stadt prangte vor ihm im Tale, da wollte er nachfragen, wo er denn sei und wie er zurück in seine geliebten Berge käme. Gedankenverloren, strich er durch die breiten Straßen, hatte weder ein Auge für die herrlichen Paläste, noch für die reichen Kaufläden, oder die große Zahl der Schiffe im Hafen, bis er plötzlich bei seinem Namen gerufen ward.

Erstaunt sah er auf und erblickte in einem offenen Fenster eines der schönsten Paläste einen edlen Herrn, der ihm zulächelte und ihn hieß hereinzukommen. Der Förster schritt unsicher ins Tor des riesigen Hauses ein, als ihm der Fremde schon eiligst und frohen Herzens entgegenschritt. „Erkennt ihr mich nicht mehr?“ fragte er scherzend. „Ich wüsste nicht zu sagen Herr, dass ich euch jemals gesehen!“, gab der Förster zur Antwort. Da wandt sich der Unbekannte um, ging zu einem riesigen Kleiderschrank, ganz mit Elfenbein verziert, nahm daraus ein grünes Gewand hervor und legte es sich um. Jetzt erkannte der Förster, dass der Fremde aus dem Selketale vor ihm stand, mit dem er vor gefühlten hundert Jahren unter der dicken Eiche gefrühstückt hatte. Erleichterung umfing des Försters Herz und Freude breitete sich darin aus, als der Fremde, der nun Freund geworden, ihn durch den Palast führte und all die Kostbarkeiten und Schätze zeigte. „Seht“, sagte er, „all diesen Reichtum verdanke ich eurem Selketal mit dessem Golde. Auf gleiche Weise ist auch mein Freund, den ihr kennt, reich geworden und auch ihr sollt euer Glück zuhause machen.“

Gleich am anderen Morgen führte der Venediger den Harzer auf eine Anhöhe nahe der Stadt. Dort setzten sie sich zum Frühstück nieder und wie am Tage zuvor, ward der Körper des Försters vom Essen träge, umnebelt der Geist und selig schlief er ein. Und als er erwachte? Da lag er Gottlob wieder unter der Eiche auf dem Kirchberg im Selketal.

Von diesem Tage an, ward der Förster glücklicher als jemals zuvor, wenn er durch seine Wälder strich. Auch eine gewisse Habe, soll er sich erarbeitet haben, redeten die Leute. Denn freilich hatten ihm die Venediger die Stelle des Goldes zugewiesen, an der er sich doch nur in bescheid‘nem Maße gütig tat.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne)