204 – Man erntet was man sät

Man sagt, einst habe nördlich über der Selke eine stolze Feste gestanden, deren hohe und breite Wälle der eigentlichen Burg so weit vorgelagert waren, dass ein ganzes Dorf mitsamt all seinen Äckern darin Platz gefunden hätte. Die Ackeburg (von Agger, lat. & bedeutet Befestigung oder Erdwall), wie sie hieß, ward vom Adelsgeschlecht von Ackenborch regiert, die im frühen 13. Jahrhundert Lehnsmänner der Grafen von Falkenstein waren.

Die Ackenburger ließen sich auch nicht lumpen und schenkten jedem Krieger, der sich in einer Schlacht wacker geschlagen hatte einen ganzen Acker. Ein Acker entsprach damals einem Land von etwa 160 Quatratruten, was wiederum mindestens 2500 qm waren. Man könnte dieses Gut auch einen „Morgen“ nennen. Ein Land also, das mit einem einscharigen Pferde- oder Ochsenpflug an einem Vormittag pflügbar ist.

So ging also die Kunde durch die deutschen Lande, dass sich ein jeder Mann auf der Ackeburg beweisen könne und sogar Knechte, das unfreie Lumpenpack, sich mit Tapferkeit womöglich die Freiheit verdienen. „Wer tüchtig zuhaut, bald eigenes Land anbaut!“, hieß das Motto des Gesindes. Und bald kam auf dem „Acker“ über der Selke tatsächlich so viel streitbares Volk zusammen, dass die Grafen von Falkenstein Angst vor ihren eigenen Vasallen bekamen. Freilich war die Vormachtstellung der Falkensteiner und ihr Land um die Ackeburg bedroht, wenn die Lehensmänner vorlaut immer weiter expandieren, ein Heer aufstellen und jeder dahergelaufene Lump einen eigenen Acker für sich beanspruchen wollte.

Niemand weiß oder wagt sich zu sagen, was dann geschah. Doch kaum hundert Jahre später, ward die stolze Burg bis auf die Grundmauern zerstört und auch das Dorf verlassen und wüst! „Wer den Acker nicht bebaut und nur um sich haut – der erntet was er sät – dem wächst das Unkraut!“, pflegten die Falkensteiner trotzig zu antworten, wenn man sie auf die Ackeburger – die Lumpenhunde – ansprach! Heute kann man von der einstigen Befestigung nur noch die Wallanlagen erahnen. Doch der Weg, der vom Burgstall hinunter zur Selke führt, heißt noch heute der Lumpenstieg!