203 – Die Krone des Schlangenkönigs

Ein Graf von Falkenstein träumte in einer der Raunächte davon, dem Schlangenkönig, der unter einer Mispel im Selketal hauste, zu begegnen und dessen Krone zu berühren. Dieses güldene Juwel würde die größte weltliche Macht bedeuten, ahnte der Graf und konnte an nichts mehr anderes denken, als sie an sich zu bringen. So tüftelte er mit seinem Bruder viele Monde an einem Plan, wie man dem Schlangenkönig die Krone tatsächlich rauben könne.

Endlich war es so weit. Die Falkensteiner Grafen schlachteten ein Rind, sattelten die Pferde und trugen das Fleisch in großen Körben mit sich hinunter ins Selketal. Unter dem besagten Mispelbusch breiteten sie ein schwarzseidenes Tuch aus und sprachen zusammen den alten Vers, der den Schlangenkönig seit altersher aus der Erde herauslockte. Tatsächlich kroch das Ungetüm heran, legte seine Krone auf dem edlen Stoff ab und begann das Opferfleisch zu verzehren.

Prompt ergriffen die Falkensteiner das funkelnde Prachtstück und galoppierten damit von dannen. Die bestohlene Schlange zischte zornig. Markdurchdringend böse funkelten dessen Augen und auf einen ohrenbetäubenden, züngelnden Pfiff hin, rumorte plötzlich die Erde. Aus tausend Erdlöchern krochen da die Schlangen hervor und zogen den Fliehenden von überallher entgegen. Um sich den Teufelswürmern zu erwehren, ließen die Grafen Stück um Stück des Fleischbatzens fallen, was ihnen Zeit verschaffte, so dass sie noch heil über die Selke zu springen vermochten. Doch bald waren sie eingekreist und die Pferde scheuten, wurden wild und warfen ihre Reiter ab. Schon wollten die Rosse hinfort über die Schlangenbrut springen, als das Natterngezücht sich um deren Beine schlängelte und die stolzen Tiere schmatzend zu Boden riss.

Mit vor Angst aufgerissenen Augen sahen die Grafen ihr nahes unseliges Schicksal und beschlossen den letztmöglichen Ausweg zu nehmen, die glitschigen Felsen empor zu klettern um sich in die sichere Feste zurückzuziehen. Aber auch die hohen Mauern des Falkensteins hielten die Schlangen nicht auf. Sie folgten auf dem Fuße, erkrochen den steinigen Grund, kamen durch jedes Loch und über die Wälle und vertrieben die mächtigen Grafen.

Erst dem Oberjägermeister, Graf von Asseburg, soll es nach vielen Monden gelungen sein, die Schlangen zu verjagen und die Burg wieder bewohnbar zu machen. Die Krone des Schlangenkönigs sah man niemals wieder!