198 – Die Glockensteine

198DIE GLOCKENSTEINE

Ein vielgerühmter Stolberger Glockengießermeister sollte einst eine neue Kirchenglocke gießen und schwor, wie eh und jeh, vortreffliche Arbeit zu leisten.
Mit seinem Gesellen brachte er den Ofen zum Glühen, die fertige Lehmform war in der Erde vergraben worden, worauf die flüssige Bronze in der Form verlief – alles war wie immer, doch sowohl die erste, als auch die zweite und dritte Glocke efüllten weder die Erwartungen des Meisters, noch hätten sie den Auftraggeber zufrieden gestellt.

Verzweifelt beschloss er, sich den Rat bei einem Freund seines Vaters in Nordhausen zu erbitten, der war auch Glockengießer. „Aan Unbekannter zwar, aber an Schenie in sanem Element!“, pflegte der Meister zum Gesellen zu sagen und dachte bei sich, dass es umso besser wäre, wenn den Nordhäusner keiner kennt, so käme alle Ehre ihm allein zu Gute.
Während seiner Abwesenheit sollte der Geselle rasch einen neuen Glockenguß vorbereiten, was der auch tat. Doch, weil der Meister sehr lange unterwegs war, konnte es sich der Geselle nicht verkneifen, einmal selbst sein Können zu probieren:

Er beschloss, alles zu vergessen, was er jemals gelernt hatte und mischte die Bronze, bloß seinem Gefühle nach. Sein frisches Herz war allein von einem vollem Klang erfüllt, einem Gefühle gleich, dass er jedes Mal verspürte, sah er bloß das Angesicht der Näherin Marie vor sich.
Und was sollte schon geschehen? Würde sein Stück nicht gelingen, wäre das Zeug schnell wieder eingeschmolzen.

Doch wie sein Wagstück fertig war und er die Glocke anschlug und sie so schön von Gottes Wunern kündete und die Menschen vor der Schmiede verzückt stehenblieben und hereinkamen und darunter der Bürgermeister war, der sagte: „Die und nimmer eine andere, wollen wir in unsere Schlosskirche hängen!“ da ward ihm ganz anders, so betrübt zumute. Wusste er doch um den Jähzorn und die Ruhmsucht seines Meisters.

Daher wollte er diesem entgegen laufen, ihm zu beichten, dass der Geselle anstelle des Meisters bereits umjubelt werde. Ja, er musste ihm schonend von der zufälligen Kunst seines Glockengußes berichten. Doch das Besänftigen misslang.

Bei Steigerthal traf er endlich auf seinen Meister, der ungehalten und in schierer Wut auf die Botschaft reagierte. Der Jähzornige nahm einen Knüppel vom Wegesrand und hieb dem, auf Knien um Gnade bittenden, Gesellen so derb auf den Kopf, dass der sogleich darnieder fiel und verstarb.
Zur Sühne musste der Stolberger später am Ort seines Verbrechens die Glockensteine aufstellen. Anschließend ward er hingerichtet und ebenfalls am Platze, jedoch mit seinem abgetrennten Schädel zwischen den Beinen, verbuddelt.

(aufgeschrieben von Kiehne, Foto von Katrin Preuß-Iaskowski)