197 – Spuk auf Burg Anhalt

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Seit aberhunderten von Jahren vermoosen die Überreste der einst so prachtvollen, aus rotem Ziegelstein erbauten und die Bergwälder hoch überragenden Burg Anhalt. Nur wenige Menschen wagten sich zu jenen Trümmern, sprach es sich doch herum, dass viele hinaufgeklettert waren, ihr Glück zu suchen, doch niemals wiederkamen. Oben im unendlich tiefen Burgbrunnen, hieß es, würde ein Schatz verborgen liegen, von dem man hörte, er sei verflucht.
Ein Jägersmann, dem der Sinn nicht nach Schätzen stand, verirrte sich einmal in einer nebelschwarzen Nacht hinauf zur alten Feste, gewahrte vorm halb zerbrochenen Burgfried stehend endlich, wo er sich befand und hielt erschrocken inne. Knackste es da nicht hinter ihm im Unterholz? Hörte er nicht schwere Schritte auf sich zukommen? Schnaufte es nicht fürchterlich?

Wie er sich umwandte, stand ein grauenhaftes Wesen hinter ihm. Vom Vollmond, der gerade durch den dichten Nebel brach, in ein unheimliches Licht getaucht, fingen die Schatten des grün übermoosten Monsters den Weidmann ein. Lange Klauen griffen nach ihm und er meinte, er wäre totgeweiht, als er in die Augen des Spukdings blickte.
Das war kein boshafter stechender Blick! In den Augen des Mooswesens sah er …, ja, er sah Angst … und Güte. Und wie er noch genauer hinblickte, da stellte er fest, dass unter den hundert Schichten Moos einst ein schönes Frauenantlitz gesteckt haben muss! „Wer bist du?“, fragte er nun neugierig, alle Furcht verlierend und setzte nach: „Wer hat dir das angetan, schöne Maid?“.

Da hielt das Wesen inne, senkte seine Klauen, schluchzte plötzlich und begann leise zu weinen. Und es war sonderlich: Jede Träne, die aus den Augen des „Was-auch-immers“ floss, spülte ein wenig Moos aus dem Gesicht. Bald war eine schöne Frau zu erahnen, mit blauen Augen und goldwallendem Haar. „Burg Anhalts wahrer Schatz!“, lachte der Jäger und ergriff beide Hände der Holden. Da lachte auch die Frau, nun ganz aus ihren grauen Gedanken und von Moos befreit, gewandet in ein silbern Mondenkleid und erhoffte einen Kuss, der sie von ihrem schweren Schicksal erlösen würde.

Wem dieses Bild vorm inneren Auge steht – die Schöne im Arm ihres Jägers wiegend, der Glanz des Mondes beide umschmiegend, der Grillengesang im Selketal liegend – der weiß, dass dem Kuss nichts im Wege steht.

(dem Anhalter Burgfried abgelauscht und aufgeschrieben von Carsten Kiehne)