195 – Der rettende Sprung

195DER RETTENDE SPRUNG (Mägdesprung bei der Köthener Hütte)

Im Selketal unterhalb des Berges namens Schalkenburg, wohnte vor langer Zeit in einem bescheidenen Häuschen ein alter Jägersmann mit seiner jugendfrischen, blühenden Tochter. Ein Mönch aus dem nahen Kloster Hagenrode liebte dieses Mädchen mit kaum zu zügelnder Leidenschaft. Wie eine Heilige verehrte er sie, stellte ihr nach, wo und wie er konnte, auch wenn er ihr mit scheuer Ehrfurcht nie zu Nahe kam. Sie aber wich ihm aus, wenn sie ihn erblickte und suchte das Weite.

Eines Tages wütete über der Hütte des Mädchens ein arges Unwetter. Der Sturm brauste, rauschend schoss der Fluss im Tal an ihrer Hütte vorbei und quoll Land in Besitz nehmend aus seinem Bachbett. Donnerschläge krachten und hallten im dunklen Tal gleich mehrfach nach – ein ungeheuerliches Getöse.
Angst stieg im Herzen des Mädchens auf, war doch ihr lieber Vater morgens zum Holzhauen aufgebrochen und noch immer nicht zurückgekehrt. Voller Unruhe ging sie hin und her, murmelte Gebete, als es heftig an die Tür pochte. Wie sie öffnete, stand ein völlig durchnässter junger Wandersmann vor ihrer Tür, bat um Quartier während des Gewitters, das sie gerne gewährte, hatte er doch sanfte Augen. Herzlich froh war sie, nicht mehr alleine zu sein und fragte wer er sei und woher er käme. „Vom Falkenstein komme ich und verdiente mich dort als Sänger!“, gab er lächelnd zur Antwort und fragte, ob er ihr zum Dank ein Ständchen bringen dürfte, denn er hätte ein Lied komponiert für die hochehrwürdige Äbtissin zu Gernrode. „Ich weiß nicht zu sagen, ob es ihr Gefallen findet!“, sagte er, spielte die Klampfe und sang „von der Schönheit dieser Welt, wenn der Frühling sie begrüßt, wenn der warme Regen fällt und die Blumenknospe küsst.“

Der Jüngling wusste so schön zu singen, so lebhaft von der Festlichkeit auf dem Falkenstein zu erzählen, dass das Mädchen Zeit und Raum vergaß und sich mit leuchtenden Augen und eifrig pochendem Herzen, auf den Schoß des Sängers zu träumen begann. Auch der Jüngling, der in dem schmachtenden Blick des Mädchens versank, nahm nicht war, dass draußen am Fenster eine dunkle Gestalt stand und vor Eifersucht bebte. Der Mönch hatte die sich zuspitzenden Zärtlichkeiten eine Zeit lang beobachtet, hatte Gott um Frieden im Herzen angebettelt, doch der Teufel lachte ihm höhnisch ins Ohr: „Siehst, wie das Weib die Keusche spielt und genommen werden will? Nimm du sie dir als Erster!“

Rasend vor Wut und Wollust, trat der Mönch die Türe zur Hütte ein, warf sich auf den Jüngling und klammerte die Hände so fest um dessen Hals, dass der röchelnd erstickte. Vor Schrecke erstarrt, war das Mädchen aufgesprungen. Wie gelähmt sah sie zu, wie der Mönch aus der Hölle gesprungen kam, ihren Sänger würgte, dessen toten Körper zu Boden warf und dann sie mit glühenden Augen fixierte. Nur ein Impuls kam in ihr auf: Laufen! Und sie jagte aus dem Haus, kletterte den Hang hinauf, floh ohne auf Weg und Steg zu achten. Der Mörder aber sprang ihr nach, immer schneller, immer höher, doch bald schon hatte der Verfolger sie eingeholt. Von dieser Klippe gab es kein zurück. So faltete sie kurz ihre Hände und bat zu Gott, dass sie nur schnell sterben nur bitte nicht dem Mönch in die Hände fallen möge. Da empfahl sie Gott ihre Seele, sprang in die Tiefe, wo ihr Körper zerschmetternd liegen blieb.

Der Mörder sah ihr voller Grauen nach und ein Schreckensschrei entfuhr seinem Munde, dann ein schrilles Lachen. Der Wahnsinn hatte ihn in seinen Klauen.
Zitternd schleppte er sich an die Stelle an dem das heißgeliebte Mädchen zuletzt stand. Tausendfach küsste er den Stein, kratzte mit seinen Fingern das Moos von dem Flecken, hieb mit Steinen wie wild drauf herum, suchte mit blutigen Händen eine ewige Spur zu erschaffen. So entstand die Mägdetrappe. Bis zu seinem Tode hielt der irre Mönch hier Wacht.

(aufgeschrieben von Kiehne nach Siebert & Siebert, 1924)