188 – Der Riese Kreik

188DER RIESE KREIK (an der Teufelsmauer)

Einst, trieb ein junger Schäfer seine Herde zum Weiden den Hügel zum Schweinskopf an der Teufelsmauer hinauf – das ist der Felsen nördlich vom Königstein. Es war ein wunderbarer Sommermorgen, der Tag schien mehr Muße und Frieden als müßige Arbeit zu versprechen. Und, wie liebte der Schäfer diesen Felsen, der von nahem aussah wie ein Schweinskopf, mit einer Schnauze die sich gen Sonnenaufgang streckte.

Er konnte nicht verstehen, weshalb es auf einem solch lieblichen Platz ein Weideverbot geben sollte – hier waren die Wiesen grüner und satter als er sie jemals gesehen hatte.
Die Schafe blickten stets sehnsüchtig zu diesem Orte hin, wenn sie das morastige Land unten an der Bode abgefressen hatten. Doch was sollte er tun – dieses Weideverbot war so alt, wie die stattlichen Pappeln am Flusse, vielleicht noch älter.

Sein Großvater erzählte eines Tages von einem Schäfer, der dort oben mitsamt seiner Herde von der Erde verschluckt worden wäre. „Geh man net dort nauf, dort haust de Deubel!“

In dieser Nacht aber, da sah er sich im Traume auf dem Schweinskopf sitzen, mit einem blauen Blümlein in der Hand und seine Herde fraß dicht an den Steinen das beste Gras, während die Sommersonne lieblich golden auf sie alle herab glänzte, als wären sie Könige. Und heute Morgen, als er sich auf den Weg machte um die Schafe, wie gewöhnlich an der Bode weiden zu lassen, da blickte er zu Boden und mitten auf dem Wege, da stand sie, stolz und wunderschön – die blaue Blume, die er im Traume in der Hand hielt. Und auch das Gefühl stieg wieder in ihm auf – er fühlte sich stark, unbesiegbar, fast von königlichem Blute.
So kam es, dass er heute frischen Mut fasste und die Schafe den Hügel hinauftrieb. Noch einige Meter der Höhe und der neue Weideplatz wäre erreicht. Die Schafe trotteten neugierig und heißhungrig ihrem Führer hinterher und blieben doch, umso höher es ging, trotz ihres gierigen Blickes auf das glücksverheißende, sattmachende Grün, immer weiter zurück. Und plötzlich wackelte der Berg auf dem sie gingen und eine Stimme dröhnte aus der Tiefe: „Wer wagt es meinen Schlaf zu stören!?“ „Ich wage es, der Schäfer!“, sprach der Junge. „Kehr‘ um, du Wicht, lass mich in Ruhe, sonst geb‘ ich dir die ewige Ruhe!“. „Nein, ich gehe nicht, die Tiere haben Hunger und ich will auf dem Schweinskopf ein frohes Lied pfeifen!“, entgegnete der Schäfer keck.
Da tobte es so durchdringend, das die Schafe in alle Richtungen auseinander stoben, die Teufelsmauer wackelte und einige Steine zu Tal rollten.

Auf einmal fuhr die Erde empor und da stand vor dem Schäfer ein riesenhafter Koloss. „Wer bist du?“, fragte der Schäfer ohne den geringsten Anflug von Furcht in der Stimme. „Ich bin der Riese Kreik und mag es nicht, wenn Pulloverschweine auf meinem Heim herum trampeln, aber du wolltest nicht hören, darum musst du nun spüren!“, griente der Riese und zermalmte einen großen Felsbrocken, den er in der Hand hielt zu feinstem Sand. „Gut!“, sprach der Schäfer und spannte die Muskeln seines dünnen Ärmchens an, „Aber, es wird dir leid tun, denn unter den Menschen, gelte ich als der Stärkste.“ Der Riese sah auf den winzigen Gnom herab, dessen Arme für ihn wie Zahnstocher wirken mussten und lachte, lachte so heftig, dass das Laub der nahen Bäume davonflog als wäre der Herbststurm herbei geeilt, um zu sehen, welches fidele Spiel hier getrieben wird.
„Aber bevor wir uns balgen“, sprach der Junge ohne sich verunsichern zu lassen, „wollen wir uns mit Schimpfworten belegen, um richtig zornig zu werden und dann wenn die Wut überkocht, dann wollen wir uns so tüchtig Schelte geben, dass der Deubel der einst diese Mauer erbaute, sich vor Angst noch weiter in die Erde verkriecht.“ „Ja!“, schrie der Riese, seine Augen funkelten wild im Zorn, er knurrte und Geifer triefte aus dem Maul. „Ja, aber ich fange an, mit dem Schimpf – einen stinkenden Zwerg heiß ich dich!“

Der Junge aber, spannte behände seinen Bogen, schoss einen Pfeil auf den Riesen ab und sagte: „Und du bist ein erstochener Schwächling!“ „Au!“, schrie da der Riese auf, dein Schimpfwort tut ja weh!“
„Ja, und hier kriegst du noch eins: Du fliegender Teufel!“, und damit schoss er einen zweiten Pfeil auf den Riesen ab, der im Bauch des Großen steckenblieb. „Argh! Die stecken ja fest!“, schrie er. „Natürlich, der Schimpf hat schon Wurzeln in dir geschlagen und greift nach deinem Herzen!“, entgegnete der Schäfer. „Hast du noch mehr solcher Schimpfwörter!“, winselte der Riese nun fast. „Hunderte! – Hier: Ich nenne dich einen wahren Tückeboten, einen rasenden Irrwicht!“, und ein dritter Pfeil flog in den Leib des Riesen.
„Au, nein, nicht mehr, wenn dein Schimpf schon so schmerzt, wie werden mich dann erst deine Schläge zerschmettern – geh wohin du willst Schäfer, aber bitte, bitte tue mir nichts.“ „Nein, mein Großer.“, sagte der Schäfer fast liebevoll beschwichtigend, „Ich werde gut zu dir sein, solange du gut zu mir bist, keinen Schimpf mehr und keine Balgerei – von jetzt an, will ich jeden Tag auf dem Schweinskopf sitzen und du, du geh‘ zurück in dein Loch. Ich werde ein Lied über dich singen, das Lied vom achso sanftmütigen Kreik:

„Der Riese Kreik, kennt tiefen Schmerz
er hat ja auch ein Riesenherz!
Drum schütz’ ich ihn mit meiner Herde
und er schläft friedvoll in der Erde.
Doch wenn ein Andrer hier rumlungert
zerstoben, Menschen, Schafe, Schweine
denn Riesen sind stets halbverhungert
sind scharf auf leckere Gebeine … nur nicht auf meine!“

(den Felsen abgelauscht und aufgeschrieben von Carsten Kiehne in „Achtsame Schritte auf dem Teufelsmauerstieg“, Herbst 2016)

 

MDRFür alle Fans, hier auch die bekannteste Teufelsmauersage auf youtube! 🙂