184 – Der letzte Bär

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In einer dunklen Winternacht des Jahres 1696 ward es plötzlich laut in den Gassen des Städtlein Gernrodes: „Hilfe, zu Hilfe, ein Bär frisst uns die Pferde!“

Die Lichter wurden in den Häusern angezündet, der Stadtbüttel gerufen und die reichen, lärmenden Kaufleute zur Ruhe gemahnt. „Was schreien die Herren und wecken uns die ehrlichen Bürger?“, fragte der Kantor die aufgebrachten Tuchhändler.

„Ein Bär, ein Bär hat uns überfallen!“, riefen die Fremden in blassem Angesicht. „Unsere Kutsche, die Pferde, die Ware – alles haben wir stehen und liegen lassen, die Beine in die Hand genommen und sind gerade eben mit unserem Leben davongekommen.“
Erschrocken von dieser Rede hielten sich die Gernröder die Hände vor die Münder bis einer forderte: „Sollen die Jäger Meister Petz doch endlich zur Strecke bringen. Es wagt sich ja schon niemand mehr zum Holzschlagen!“ Die guten Bürger ereiferten sich nun aus vollem Halse und viele griffen zur Flinte.

So zogen zweihandvoll Jäger noch zur selben Stunde in den Forst. Kein Stern war sichtbar und selbst der meist mutige Mond hielt sich versteckt.
Bald war der Bär nahe seiner Höhle (dort wo 100 Jahre später der Bremer-Damm-Teich angelegt werden sollte) aufgespürt, umstellt und mit sieben Schuss im Pelz dem Gevatter Tod überantwortet. Der Jubel war groß!

Doch als man nach der Kutsche und der Ware sehen wollte – welch ein Schrecken – war nichts von alledem mehr vorzufinden. „Da hat der Bär unser Tuch und unseren Kutschbock gefressen?“, wunderten sich die Kaufleute.

„Haben die Herren den Bären gesehen?“, fragte der Kantor. „Nein, aber aus dem Busch das Brummen und Schreien gehört!“, antworteten die Händler. „Und sich nicht gewundert, weshalb der Bär nicht näherkam, und wie er es zustande brachte, einen Baum recht artig abzusägen und der Kutsche in den Weg zu legen? Törichtes Stadtvolk! Doch betrogen sind wir alle – hätten einem Räuber anstatt dem Bären die Kugeln um die Ohren schießen sollen.“

(dem Volke abgelauscht & aufgeschrieben von Kiehne)