17 – Der Frauenmantel am Trudenstein

Trudenstein(der Trudenstein, Zeichnung von Caspar David Friedrich)

In alten Zeiten sammelten sich am Trudenstein bei Schierke, einem dämonischen Ort, immer dann die Hexen, wenn der Teufel rief. Und wer seinem Ruf folgte, stand für immer in seinen Diensten.
Für den Ruf des Höllenfürsten war aber nicht jeder empfänglich. Nur das jeweils siebte Kind einer Familie oder diejenigen, die sich beim Wandern am Trudenstein durch sonderliche Güte oder Boshaftigkeit auszeichneten, spürten bald im Traum ein verschleiertes Verlangen, aufzuwachen, loszugehen, um dem Höllenfürsten zu begegnen.
Am Trudenstein würde das Böse dann prüfen, wie wahrhaftig das Herz des Gerufenen für die ein oder andere Seite schlägt. Gute Seelen wären des Todes, würden im heiß aufwallendem Blut der sieben Höllen unter Tage verglühen.
Menschen aber, deren Herzen der dunklen Seite anhängen, dürften weiterleben, doch zu welchem tiefdunklen Preis?

Auch Anna war im Lichte des Vollmonds aufgeschreckt, wusste nicht, weshalb sie sich ihr Kleidchen überstreifte und die Schühchen anzog, nur dass sie es tun musste, dass sie sich gerufen fühlte. Wie im Bann setzte sie einen Schritt vor den anderen. Sie kannte den Weg, war sie doch wie immer in den Sommerferien zu Besuch bei ihrer Oma unten im Städtchen und letztens zum Blaubeersammeln am Trudenstein gewesen.
Die Großmutter hatte sie noch gewarnt, den Felsen nicht anzurühren, worauf beide einen großen Bogen darum machten. „Mit dem Stein wäre es nicht richtig!“, hatte sie gesagt. Anna spürte wohl, dass eine unheimliche Kraft von dem Felsblock ausging, die sie unwillkürlich in seinen Bann zog und als die Muhme einmal nicht schaute, da war sie doch hinzu gegangen, kam dem Stein näher als sie sollte, berührte ihn und …,
nichts. Gar nichts geschah, dachte sie in jenem Moment, was sich als schlimmer Irrtum erweisen sollte.

Denn als würde sie ihren Körper von oben beobachten, aber keine Kontrolle über ihn haben, sah sie sich nun zur Geisterstunde einen Schritt vor den anderen setzen, sich über große Steine und den Schierker Feuerstein herum klettern, der heute im Mondenglanz selbst ein unheimliches, rötliches Licht aussandte. Sie schalt sich selbst ein „dummes Ding“, aber was half das? Wenige hundert Meter waren es noch bis zum Trudenstein, als sie einen weiteren Drang in ihrem Herz wahrnahm.
Eine Stimme zog sie weiter, immer schneller immer weiter.
Die andere aber mahnte sie zum Boden zu blicken, das Kraut wahrzunehmen. Am Waldboden stand eine winzige Pflanze, ihre Blätter wie einen Fächer ausbreitend in deren Mitte ein Tautropfen stand. Das seien die Tränen der Göttin, sagt man, mit der Kraft einer jeden Seele ihre göttliche Unschuld zurückzugeben.

Und plötzlich hörte sich Anna selber singen: „Unsrer lieben Frau ihr Mantelkraut, ist ein Kraut über alle Kräuter, ist‘s Herz zerrissen und schreit es laut, zieh‘s ab – heilt‘s ab, zieh‘s raus – heilt‘s aus, und all das Böse fährt aus dir hinaus!“
Dann sah sie sich, wie sie den Tau aus dem Kelch der Blüten trank und ward plötzlich wieder ganz sie selbst und doch wieder nicht. Ja, sie war es, die auf dem moosigen Waldboden stand und in die tiefe Nacht hineinblickte. Doch spürte sie sich seltsam erneuert, so groß wie selten zuvor und mit stillem, langsam schlagenden Herzen beobachtete sie, wie sich dichte Wolken vor den Vollmond schoben.
Oben auf den Klippen, hörte sie Urian fluchen und donnernd auf seine Truden schimpfen, weil ihm Annas süße Seele entronnen ist.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne nach den Gebrüder Grimm)

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