167 – Der Einsiedler bei Ellrich

DER EINSIEDLER BEI ELLRICH

Bei dem Städtchen Ellrich liegt eine Höhle, schauerlich-romantisch-schön, zwischen dunklen Gebüschen und bemoosten Felsen, die eine weite tiefe Kluft bilden. Im Inneren befindet sich ein klarer Teich der aus einer verborgenen Quelle gespeist wird.

Vor dieser Höhle, der sogenannten Kelle, saßen einst zwei Liebende, die man für das schönste Paar im ganzen Gau hielt. Der Bräutigam sprach in höchsten Tönen von ihrer Zukunft im Glücke und Wohlstand, die heranbräche, würde er erst aus dem Kriege zurück kommen.
Das Mädchen, Mechtild mit Namen, äußerte ihre Besorgnis: „Konrad, vielleicht aber bleibst du mir nicht immer treu und wendest dein Herz einer Anderen, noch Schöneren zu?“

Ihr Bräutigam fühlte sich ob dieses Mißtrauens schwer beleidigt und schwor ihr sogleich bei allen Heiligen, dass er nie ein anderes Mädchen als sie ansehen geschweige denn lieben werde. Aber auch diese erneuerten Liebesschwüre vermochten sie nicht zu beruhigen. Sie blieb niedergeschlagen und Tränen kullerten aus ihren braunen rehgleichen Augen. Da ging Konrad vor ihr auf die Knie, hielt ihre sanfte, winzige Hand und flehte auf’s Innigste: „Ach Liebste, so schenk mir doch Vertrauen!“ Und sie wollte es versuchen, herzte ihn und wollte mit aller Kraft an die Liebe glauben.

Das arme Mädchen hatte sich aber nicht getäuscht: Der Flatterhafte verließ sie in den ersten Monaten seiner Abwesenheit, suchte sich eine andere Braut und Mechtild, die Enttäuschte, weinte sich zu Tode.

Und eben als sich der Tag jährte, an dem Konrad ihr einst die Treue geschworen hatte, führte der nun seine neue Geliebte zum gleichen Ort, um sie dort im traulichen Abenddunkeln zu liebkosen. Sie verweilten Arm im Arm, bis die Nacht hereinbrach, der Mond matt zu leuchten begann und plötzlich aus der Höhle ein schauerlicher Lichtschein drang.
Verängstigt aber doch aus tiefsten Herzen von Neugier geplagt, wollten sie der Erscheinung auf den Grund gehen und betraten die Höhle. Da stand vor den Zweien im Totenkleide Mechtild und sprach: „Konrad, hast du vergessen, dass du mir vor einem Jahre an diesem Ort die ewige Treue geschworen? Hast jetzt dieselben Worte für die nächste Braut erkoren. Zum Selbstmord hat mein schweres Herz mich in der Not getrieben, mein Leib liegt hier in Schmerz gehüllt, noch ohne Seelenfrieden!«

Endlich begriff Konrad was er einst getan, ließ seine neue Flamme los und versuchte die Hand seiner Mechthild zu fassen. Allein er griff nur in die leere Luft. Der Geist seiner Braut entflog wie Nebel unterschiedlich warmer Luft.
Da sank Konrad wie einst auf seine Kniee, klagte sich als ihren Mörder an und schwor der Hingeschiedenen, seiner Treue bis zum Tode besser spät als nie gerecht zu werden.

Und diesmal hielt er redlich Wort! Er trennte er sich von der Braut, verkaufte all seine Güter und baute sich bei Mechtilds Grab eine ärmliche Hütte, in der er als Einsiedler lebte. Seinen Übrigen Besitz schenkte er den Armen, denn zum Leben brauchte er bald nichts mehr, als Brot und Wasser und die Erinnerung an seine große Liebe.
Als er nach wenigen Jahren starb, vergrub man seinen Leichnam neben seiner Mechtild, den er aus dem Wasser hatte nehmen und bei seiner Hütte begraben lassen.

Noch heute pilgern junge Paare zu diesem Ort um sich die Liebe bis in den Tod zu schwören. Und zeugen die Versprechen von wahrer Liebe, gibt der Ort seinen Segen dazu. Wenn nicht …, mmh …, das werdet ihr dann wohl zu spüren bekommen!

(aufgeschrieben von Kiehne nach Grässe, 1868)