166 – Die Jungfer vom Sachsenstein

166DIE JUNGFER VOM SACHSENSTEIN

Im Sachsenstein, in welchem die Zwerge lebten, soll noch immer Frau Holle wohnen. Andere sagen es wäre eine verwunschene, weiße Jungfer mit Schlüsseln.
Manchem ist es geschehen, dass er am Eingang in den Sachsenstein stand der fürwahr schwer genug zu finden ist, dass ein fahles Männlein kam, um die Besucher in die Wohnung der Jungfer zu führen. Die Jungfer würde entweder am hellen Mittage oder um Mitternacht erscheinen, wäre aber solch eine gespenstige Erscheinung, dass man nur ans Laufen denken würde und nicht mehr an ihre Erlösung und das große gemeinsame Glück!

Ein Schäfer hütete einst seine Herde mittags auf dem Sachsensteine droben, da erschien ihm die Jungfer mit dem Schlüsselbunde, alt und grau sah sie aus und finstre Blicke warf sie auf den sich in der Sonne Fläzenden. Kurz sah er ihr zu, wie sie den Klängeflachs in der Sonne breitete und auseinanderzog, als er sie fragte, ob er nicht behilflich sein könne. „Warum willst du mir helfen, auf was bist du aus?“, fragte sie abschätzend.“Nur, weil ich Zeit, Kraft und Muße dazu habe!“, entgegnete er, was sie lächelnd zur Kenntnis nahm. Auch hätte er schwören können, dass um so länger er half, sie umso schöner und jünger ward. Als er des abends in seiner Schäferkarre die Schuh auszog, fielen lauter Pistoletten heraus.

Bald darauf hütete der Schäfer wieder am Sachsentsein seine Tiere, schlief beim Hüten ein und wie er erwachte, erblickte er neben sich ein hübsches Lilie, die er pflückte und sich an seinen Hut steckte. Gleich darauf erschien ihm die altbekannte Jungfer mit Schlüsseln, die aber viel jünger war und wunderschön.
Sie fragte ihn, ob er nicht mit ihr gehen wolle, worauf er alsgleich aufsprang ihr zu folgen, obschon er bei dieser wundervollen Erscheinung glaubte, seinen Augen nur misstrauen zu können.
Als er mit ihr vorm Eingang des Sachsensteins stand, gingen sie zuerst durch eine große eiserne Tür und an zwei Hunden mit glühenden Zungen vorbei. Seltsam dass er keine Angst verspürte, meinte er noch im Vorübergehen an diesen Monstern, doch sein Herz und seine Augen hingen nach wie vor an der Jungfer.

Im tiefen Gewölbe des Schlosses Sachsenstein, in das er geführt wurde, lag nichts als Gold und Silber und die Jungfer sagte zum Schäfer, er möge sich soviel von allem nehmen, wie sein Herz begehre. Da füllte er zuerst den großen Schäferranzen, dann seinen Schäferhut, wobei die Lilie herunterfiel. Dreimal rief ihm die Jungfer sich bereits von ihm entfernend zu: Vergiss das Beste nicht!“ Aber vom vielen Golde geblendet, achtete er dessen nicht und ging ohne die Blume fort. Und wie er das Schloss verließ, schlug ihm die Türe fast die Hacken ab. Da erst dachte er an die Blume, mit der er die Jungfer hätte erlösen können, aber es war zu spät.

Vielleicht findest Du, Wandersmann, oben auf dem Sachsensteine eine Lilie, dann pflücke sie bedacht, sieh dich nach der Jungfer um. Und wenn sie dir ihre Schätze zeigt, dann zieh die Jungfrau ganz rasch an dein Herz heran und lass sie nicht mehr aus deinen Armen, auf dass du den wahren Schatz nicht verkennst!

(aufgeschrieben von Kiehne nach Pröhle, 1859; Stahlstich von 1840 von Richter)