150 – Brauner Dost & Baldrian

Bad Lauterberg - Knollenturm

HEXEN AM GROSSEN KNOLLEN

Ein junger Bursche aus Scharzfeld wollte zur Walpurgisnacht die Hexen reiten sehen und ihren heimlich, nächtlichen Flug beobachten. Tief ging er in den Wald hinein, um sich an einem Kreuzweg nahe des großen Knollens zu verstecken. Hier hätte er beste Sicht, um den aus den tiefen Tälern kommenden und zum Brocken ziehenden Weibern untern Hexenrock zu schielen, dachte er und lachte in sich hinein. Rasch band er sich einen Kranz aus Dost und Baldrian kreuzweise um Kopf und Leib, stach auch ein Stück Rasenfläche aus und setzte es sich zur Tarnung auf.
Kurz vor Mitternacht kam des Teufels Brut, wild lachend und johlend auf Besen, Tieren und Klapperstöcken durch die Lüfte daher geritten. Auf dem Kreuzweg bemerkten sie den Burschen, schossen wie die Blitze vom Himmel herab und umflogen den seltsam ruhig bleibenden Jüngling. Die älteste Hexe wunderte sich sehr, dass ein Mensch in ihrer Gegenwart furchtlos blieb, stieg vom Besen an und näherte sich ihm bis zu drei Schritten. Blutunterlaufene Augen schielten den Burschen aus einem ganz und gar entsetzlichen Antlitz an, doch selbst ihr „böser Blick“ vermochte es nicht, in ihm das gewohnte Entsetzen hervorzuzaubern. Endlich bläkte sie: „Härrest du nich brunen Daust un Baldrian, sau wolle ek öwel dek tau Klange gahn!“

Die Hexenscharr feixte, tobte auf und schrie, sie würden den Burschen schon irgendwann und irgendwo im Tale wieder zu Gesicht bekommen. Dann würde es ihm schon leidtun! Ach, es tat ihm jetzt schon leid, so neugierig gewesen zu sein. Heilfroh, war er bloß, dass die besagten Kräuter wirklich vor den bösen Geistern schützten. Als die Hexen endlich weitergezogen waren, wunderte er sich aber doch über seinen ruhigen Puls. Ihm war fast so, als würde die Begegnung mit der Friedel in Scharzfeld, die er heimlich liebte, sein Herz in größere Aufruhr versetzen, als dieses lebensgefährliche Unterfangen gerade eben.
Noch heute spiegelt sich der Volksglaube, dass jene Mittel Zauberei abhalten würden, in alten Weisheiten: „Baldrian, Dost und Dill, kann die Hex‘ nicht, wie sie will!“. Darüber hinaus werden Baldrian und Dost aber als Universalheilmittel eingesetzt: „Nimm Dost onn Johannesblout, dai sai für alle Kranket gout!“ Die Kräuter wirken ausgleichend: Liebeskummer, Stress und Überreiztheit mildern sie. Bei Antriebs- und Konzentrationsschwäche wirken sie belebend.

(aufgeschrieben von Carsten Kiehne in „Die schönsten Sagen aus dem Südwestharz“, Bild: Altes Postkartenmotiv vom Aussichtsturm „Großer Knollen“)