144 – Die Hans-Kühneburg

144DIE SAGE VON DER HANS-KÜHNENBURG

Am westlichen Abhange des Bruchberges hängt eine ruinenartige Klippe, die Hans-Kühnenburg. Hier hat sich in der Vorzeit einmal ein stolzer Ritter vor seinen Feinden verborgen gehalten. Nach und nach haben sich Mehrere zu ihm gefunden und mit diesen hat er erst seine Feinde überfallen und gezüchtigt, dann aber ist er ein Raubritter geworden.
Da hat er die ganze Gegend geängstigt, viel zusammengeraubt, auch eine wunderschöne Maid und weil er so verwegen gewesen ist, hat man ihn Hans den Kühnen oder den kühnen Hans genannt. So vielen hat er Leid angetan, dass er von tausend und abertausend frommen Leuten verwünscht ward und sich sein Schloss, einem Wunder gleich, fürwahr in eine Klippe verwandelte. Von diesem Tage an hat man ihn und die Seinen nicht mehr gesehen, nur in Nebelnächten wagt sich keiner zur alten Burg, hört man doch das nächtlich, frivole Treiben und Johlen.

In einer ebensolchen Nacht kam nämlich viele hundert Jahre darauf ein Köhlerjunge. Ganz in der Nähe der Hans-Kühnenburg sah er unten am Fuße der Klippe eine Jungfrau. Ein weißes, seidenes Kleid verhüllte ihre lieblichen Reize und einen großen, goldenen Schlüsselbund schwang sie in der Hand. Sie winkte ihm stillschweigend dreimal. Es reizte ihn fürwahr das Herz und alles was tiefer sitzt, allein die Furcht hielt ihn zurück. Wie sie ihn zum dritten Mal winkte und er nicht kam, seufzte sie tief, eine Tür im Felsen tat sich auf, worin sie so schnell sie gekommen ward verschwand.
Wie der Köhlerjunge das am anderen Morgen seinem Vater erzählte, schimpfte der mit ihm und sagte: „Hättest ihr nachlaufen sollen mein Bub, es ist die verwünschte Jungfer, die der kühne Hans einst geraubt. Es wäre dein Glück gewesen, denn sie und der Schatz waren dir zugedacht.“
Nichts hielt den Köhlerjungen davon ab nun jede Nacht wieder und wieder zur Hans-Kühnenburg zu schreiten. Fiebernd suchte er dien schönen Geist und konnte von diesem Tage an keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die Suche nach ihr verzerrte ihn bald ganz und gar. Die Jungfrau aber blieb bis zum heutigen Tage unentdeckt!

(aufgeschrieben von Kiehne, nach Grässe 1868; Bild: Motiv einer alten Klapp-Postkarte)