132 – Die Kirche in der Altenau

132DIE KIRCHE IN DER ALTENAU

„Vor langer lieber Zeit ist in der Altenau ein Mann gewesen, der das Läuten und Uhraufziehen zu seinem Geschäft gehabt hat, und der ist zugleich ein Schuster gewesen. Er hat Fuchs geheißen. Der vergaß nun einmal die Uhr bei Tage aufzuziehen, und wie es abends so zwischen elf und zwölf Uhr war, dachte er erst daran. Um seiner Versäumnis nun wieder nachzukommen, zog er sich an, nahm die Schlüssel und ging nach der Kirche. Er schloß auf, machte aber die Thür wieder hinter sich zu, ging dann die Treppe hinauf, schloß die Uhrkammer auf und zog die Uhr auf, ohne daß ihm dabei etwas passieret wäre. Er schloß die Uhrkammer wieder zu und ging nun hinunter.
Auf einmal, wie er wohl so auf der Hälfte des Weges, ungefähr auf der zweiten Treppe war, da sprang ihm etwas wie ein großer Hund auf den Rücken und hielt sich mit beiden Händen auf seinen Schultern fest, so daß es ihm ordentlich wehe that. Die Last hat er gar nicht fortbringen können. Nun hatte er früher einmal gehört, daß man, wenn einem einmal ein Gespenst etwas thun wolle, oder wenn einem ein Gespenst begegnete, aus Leibeskräften fluchen müsse. »Alle Kreuz-Stern-Donnerwetter sollen dich von meinem Rücken bringen!« fluchte er, und wie er so fluchte, schlugs zwölf Uhr vom Turme. Da ließ das Gespenst von seinem Rücken los, er aber machte, daß er nach der Thüre kam, schloß sie auf und schlug sie dann zu. Vor Angst und Schmerz wußte er gar nicht, wo er hin sollte. Seitdem er geflucht hat, hat er kein Wort sprechen können. Wie er nach Hause kam, legte er sich gleich hin und winselte und ächzte immerfort. Seine Frau fragte ihn, was ihm denn fehle, er konnte aber nicht sprechen. So hat er drei Tage gelegen. In der letzten Zeit hat er wieder sprechen können, da hat er seiner Frau alles verzählt. Den dritten Tag starb er. Wie sie ihn da auszogen, da hatte er auf jeder Schulter eine kohlrabenschwarze Hand sitzen und die Finger sind ordentlich ins Fleisch eingedrückt gewesen.

In der Altenau sah auch der Nachtwächter einst die Kirche in der Nacht erhellet; sie war besuchet von weißgekleideten Männern, und vor dem Altare stand ein weißgekleideter Prediger. Dies sah er auch in der folgenden und nächstfolgenden Nacht. In der dritten Nacht stand der damalige Prediger von der Altenau schon in seiner vollständigen schwarzen Amtskleidung und mit den Kirchenbüchern bereit und auf Verabredung holte der Nachtwächter ihn ab. Der Prediger trat nun in die Kirche und sogleich verschwand der weiße Prediger vom Altare. Wie er aber vor den Altar trat und aus seinen Büchern etwas herlas, verschwand auch die ganze weiße Versammlung und es wurde in der Kirche dunkel. Dieser Pastor von der Altenau hat nachher nicht wieder geprediget, sondern ist fortwährend krank gewesen und bald gestorben.“

(Originaltext von Heinrich Pröhle, Harzer Sagen von 1886; Bild: Ein Postkartenmotiv der Kirche Altenaus von 1915)