121 – Der Sturz des Krodo

121DER STURZ DES KRODO

Karl der Große fluchte: Was nutzte es ihm, der mächtigste Heerführer mit dem größten Soldatenhaufen den das 8.Jhd je gesehen hatte zu sein, wenn Gott doch nicht zu ihm sprach? Wenn sich dieser gar im Wetter gegen ihn zu wenden schien und die sächsichen Heiden auf ihrem Burgberg triumphieren lies?

Im Herbst waren die Franken zu Abertausenden vor die Harzburg geströmt, dem Kultweiheort des Krodo, um die dort ansässigen Menschen zu frommen Christendienern zu bekehren, gleich mit welchem Mittel. Dieser Götzendienst sollte im Harz endlich sein Ende finden. Aber leichter gesagt als getan: Karl stand den Sachsen mit einer Übermacht von 6:1 gegenüber und kam doch nicht an die Mauern der alten Wallburg heran. Der Herbst blies Sturm, wehte die Wehrzelte Karls ins weite Land hinein, die Pferde scheuten vor der „wilden Jagd“ und preschten von dannen und nicht einmal das Feuer blieb den Christen als Verbündeter.

Auch der zweite Versuch den Heiden ans Fell zu gehen, scheiterte. Eine von Gott gesetzte Schonfrist für die Harzburger. Ja, das Jahresrad hatte sich weiter gedreht, die Sonne verdunkelte sich und brachte winterlich, bittere Kälte … kein Harz-erprobtes Tier wollte noch draußen sein, geschweige denn die von Wärme verwöhnten Franken – so musste der wahre Gott eben später ausgefochten werden.

Im Frühjahr war’s aber ärger als je zuvor: Die Schneemassen schmolzen und eine Sündflut wälzte sich zu Tal in der Karls Heerhaufen abermals lag. Alles nicht Niet- & Nagelfeste schob sie leicht beiseite, spühlte es von dannen. Die Heiden jubelten zu Krodo: Der dritte Sieg ohne Kampf. Ihre Gebete besiegten den neuen Gott wieder und wieder! Immer überheblicher werdend, ließen die Sachsen Krodos Statue nun auf dem Fische stehen, dem Symbol des Christenglaubens und lachten vom Walle herunter auf die mit den Fluten Kämpfenden.

Dann aber kam der Sommer. Karls Heerhaufen sammelte sich erneut und wagte sich zur Harzburg heran, abwägend und sich ängstlich duckend, welche Katastropheals Nächste auf sie niedergehen würde. Doch nichts geschah. Krodo blieb stumm! Als die Vorwälle genommen waren, die letzten tapferen Sachsenmannen fielen, beschlossen die Frauen der Heiden, auch um ihrer Kinder willen, die Franken mit Blumen in den Händen zu begrüßen.

Der Plan ging auf: Die Franken, welche auf der Burg einen weiteren Angriff oder eine furchtgetränkte Flucht erwarteten, waren wie gelähmt im Anblick der anmutigen Frauen, die mit Sträußen zur freudigen Begrüßung eilten. Welcher Kampf war hier zu führen? Wer sollte hier gewonnen haben?

Freilich: Das Götzenbild des Krodo (manche sagen, der Name wäre eine Verballhornung des „großen Wodo“ also des Gottvaters Wotan) ließ man niederreißen und an eben jener Stelle eine Kirche bauen. Heute aber, steht die Kirche längst nicht mehr, doch Krodo blickt wie früher über die Wipfel unseres sagenhaften Harzes.

(dem alten Gemäuer abgelauscht und neu aufgeschrieben von Carsten Kiehne, 2016)