120 – Vom Elfenstein

120Vor langer Zeit standen am Silberborn bei Bad Harzburg nur wenige, karge Hütten aus Holz und Lehm. In einer davon, wohnte ein altes Mütterlein mit ihrem frommen Tochter Else. Selten hatten sie vom Nötigsten zum Leben genug, doch seit die Mutter von einer Krankheit befallen war, kam wahres Elend über die Beiden. Selbst die Almosen ihrer Nachbarn halfen kaum den Hunger und den Kummer zu mildern. Als eines Tages der letzte Pfennig aufgebraucht war und auch der letzte Bissen Brot zur Neige ging, da konnte Else ihren Tränen nicht mehr zügeln. „Mutter, ich gehe in den Wald, zu sehen was ich Essbares finde!“, rief sie, um sich in der Dunkelheit des Waldes recht herzlich satt zu weinen. Die Mutter sollte es nicht hören und doppelt leiden.

Wie Else sicher ein gutes Stündlein weit und tief in den Harzwald hineingegangen war, stand sie plötzlich vor einem riesigen Felsblock, der von fröhlichen Sonnenstrahlen umspielt wurde. Um den Stein herum, stand alles in schönsten Frühlingsblumen, die ihre Köpfchen nach einem langen Winter gen ersehnter Sonne streckten. „Ach, hier ist alles Friede und Frohsinn. Gäbe es doch nur ein Mittel meine Mutter von Kummer und Schmerz zu befreien!“, dachte Else und erinnerte sich daran, was ihre Großmutter von diesem mystischen Ort erzählte:

Am Elfenstein wohnen die kleinen, guten Geister. Sie seien den Menschen gar lieblich und huldvoll gestimmt. Wenn die Elfen einen Glücklichen trafen, dann gingen sie zu ihm hin, ihn zu schmücken und seine Freude dadurch zu mehren. Spürten sie aber Leid und Krankheit in einem Menschen, halfen sie durch gute Säfte, durch lichtvolle Zauber, allen Schmerz zu nehmen. Tagsüber sollen die Elfen in den Blütenknospen schlafen, nachts kämen sie heraus und würden ihre heiligen Tänze um den Elfenstein vollziehen.

Neuer Hoffnung keimte in Elses Herzen. Froh sah sie sich um und … war sich wach oder träumte sie? Die Blumen links von ihr und rechts von ihr, schienen sich vor ihr zu verneigen und flüsterten lieblich: „Pflücke uns und bringe uns heim, dann wird dein Schmerz zu Ende sein!“ – Mit kindlicher Freude, tobte Else durch die Blumen, pflückte hier ein paar, knickte dort einige ab und hatte am Ende einen Strauß zusammen, den sie kaum halten konnte. „Was wird sich Mutter freuen?!“, lachte sie, „Doch wie ist mir … , bin so bleiernd müde!“ So schwer waren ihre Glieder vom Sammeln der Blumen geworden, so weh tat ihr Köpfchen, dass sie eine kurze Rast machen musste. Mit dem Rücken setzte sie sich an den Elfenstein und schloss für einige Atemzüge ihre Äuglein. Wie sie aber wieder erwachte, da war die Sonne längst im Westen untergegangen. „Ist es über meine Müdigkeit doch Nacht geworden. Mutter wird sich sorgen!“, sagte sie, sprang auf und rannte heim, so schnell es eben ihre nackten Füßlein auf dem steinigen Grunde zuließen.

Zuhause angekommen war alles still, die Hütte lag im Dunkeln, die Mutter schlief wohl schon. Den großen Wildblumenstrauß legte Else auf das Bett der Kranken, setzte sich daneben und sah erstaunt, wie tatsächlich ein kleines, liebreizendes Wesen aus einer der Knospen kroch und mit ihr ein wunderbares Licht den Raum durchflutete. Immer mehr Elfen kamen aus dem Strauß geflogen, womit es so hell wurde, dass Else ihre Augen schließen musste. Sie spürte nur, wie sie von diesen wunderschönen, guten Geistern umgeben war. Aller Kopfschmerz ging plötzlich vorüber, welcher sie seit dem Elfenstein so pochend quälte und endlich schlief sie selig ein.

Am andern Morgen kam eine Nachbarin um nach dem Rechten zu sehen. Sie fand zwei im ewig lächelndem Schlaf Versunkene. Mutter und Tochter waren tot. Die Elfen hatten ihr Versprechen gehalten, allen Leid und Schmerz zu nehmen.

(aufgeschrieben von Kiehne nach Eichler, 1910)