118 – Was die Kästenklippe murmelt

Vor hunderten von Jahren waren die Kästeklippen ein verwunschener Ort, gemieden wie die Pest, aber nur von den Menschen, denn dort oben zwischen den Klippen, den schroff abfallenden Felsen und den totbringenden Eiben (der altdeutsche Name dieser Bäume war „Käste“, alles an ihnen ist tödlich giftig, bis auf das Fleisch ihrer roten Früchte) war‘s ihnen nicht geheuer. Man munkelte überall: Droben würden die Zwerge toben, die Nachtalben wohnen, während unten in der Oker die Nixen todbringend durch die Wellen stoben. Kein Wunder also, dass sich bei der Hexenküche noch lange die Zauberweiber trafen, während in den lichten Tälern längst schon die Kirchenglocken zur Messe riefen. „Pah“, zeterten sie und spuckten Gift und Galle, hier waren sie noch ungestört.

Der „Alte vom Berge“, ein grobschlächtiger, meist finster gelaunter Riese, schützte sie, während sie ihre Rituale ausübten und den alten Göttern am Treppenstein opferten. Er lugte alle Zeit ins Tal hinaus, dass nicht plötzlich ein Mensch in ihr Mythenreich eindringe, sie entdecke und ihr geheimes Wissen verrate. Verirrte sich doch einmal ein Händler, Holzfäller oder Bergmann in das unwirtliche, dunkle Okertal, so dröhnten seine warnenden Worte durch das Tal, dass jedem Angst und Bange ward, dann holte er tief Luft und blies die Eindringlinge aus dem Harz heraus. Das tobte und stürmte zwischen den Klippen, dass so mancher Fels zu Boden schlug und selbst die Mutigsten verjagte.

Zuletzt aber schaute der Alte immer griesgrämiger drein, denn er musste wohl oder übel einsehen, dass die Menschen nicht mehr an die Mythen glaubten. Schrie und tobte er, sagten die Törichten entzaubert nur: „Och, hört mal, wie laut und doll der Wind durch die Bäume bläst!“ – und niemand ließ sich mehr abschrecken ins Tal einzudringen. Ein Weg ward durch den Felsen gesprengt, ein Damm gebaut und die Nixen gehemmt, der Eibenwald gerodet und vollständig versengt und mit menschlicher Grobheit jeder Fels aufgestemmt. Zwerge, Alben und Nixen lassen sich schon lange nicht mehr bei den Kästeklippen sehen! Nur manchmal noch, kommt eine Hexe herauf zum alten Sendestein. Dann hebt der Alte seine Augenbraue und prüft ganz neugierig das Herz jenes Weibes. Steht da vielleicht ein Nachkomme der alten Hexen vor ihm? Wenn ja, dann würde ihm das Herz vor Freude zerspringen, denn dann – sagte eine Prophezeiung – würden die Eiben wieder wachsen und sich die Zauberwesen neu einnisten. Doch wie so oft, stellt der Alte mürrisch fest, dass vor ihm tatsächlich eine jener Zauberinnen steht, die jedoch nichts von ihrem großen Schicksal weiß!

(dem „Alten vom Berge“ abgelauscht und aufgeschrieben von Carsten Kiehne)