116 – Die Verlobungsinsel im Okertal

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Ich hörte davon, dass sich einst im Okertal, an dem Ort den wir heute Verlobungsinsel nennen, ein junges Paar die ewige Liebe schwor. „Wie töricht!“, meinten deren Freunde. „In sieben Monden seit ihr geschiedene Leut‘ und wollt vom hohen Gelöbnis nichts mehr wissen.“
Doch weit gefehlt: Die reichen und warmen Sommer kamen und gingen und auch bitterkalte Winter gab‘s genug, doch voneinander genug, hatten Burchard und Birka (so hießen die Beiden) niemals.
Jedes Jahr zum Tage ihres Kennenlernens, kamen sie zurück an jenen Ort, der Verlobungsinsel im Okertal, gelobten sich Treue und Liebe. Nein, nicht diese Liebe, wie sie die meisten Menschen kennen und erwarten. Sie schworen sich eine Liebe, die sich selbst genügtt. Eine, die dem anderen allen Freiraum lässt. Jene Liebe, die man „Agape“ oder „bedingungslos“ nennt!

Wie beide steinalt waren und Burchard sich mit letzter Kraft zur Insel schleppte, da spürte er den Tod ganz nah bei sich. Aber nicht als Feind hieß er den Tod willkommen, sondern als alten und guten Bekannten. „Liebe Birka, ich werde dich nun verlassen müssen, bitte verzeih‘!“, flüsterte er.
Seine Frau verstand es wohl, was er sich nicht zu sagen traute und erinnerte ihn, seine Hand nimmer loslassend, an das alte Versprechen: „Ich gelobte dir, stets an deiner Seite zu stehen, im Lachen und Weinen, im Leben und Sterben. So will ich es auch ferner halten!“ Und wie sie das sagte und ein Tränlein aus ihrem Auge quoll, da zog er sie an seine Brust und hielt sie fest im Arm und wünschte, sie immer so halten zu können.

Eine kleine Ewigkeit standen sie beieinander, bis plötzlich das Wunder geschah: Es begann in ihren Füßen. Neues Leben strömte in sie ein, fuhr kribbelnd ihre Körper hinauf. Kräftig fühlten sich die Glieder an und völlig verjüngt. Fest war ihr Stand und weit und groß fühlten sich Beide, unbelastet von Sorgen und Ängsten. Burchard und Birka fühlten einander so nah wie niemals zuvor, eins mit Mutter Erde und Gott im Himmel – ach, sie wollten ewig Arm in Arm so stehen bleiben. Und das taten sie auch, denn Burchard hatte sich zu einer Buche verwandelt und Birka zu einer Birke. Ihre Stämme verwuchsen zu einem, Wurzeln und Äste verschlangen sich ineinander, vereint zu einem ewigen Kuss.

So standen die beiden Bäume viele Jahrzehnte lang und trotzten den Gezeiten. Vielleicht heißt die Insel deshalb „Verlobungsinsel“? Die Nachkommen von Burchard und Birka stehen auf jeden Fall noch heute im Flussbett der Oker.
Seid still und lauscht, wer weiß, was sie euch erzählen!?

(dem Volke abgelauscht & aufgeschrieben von Carsten Kiehne)