10 – Woher die Zeterklippe ihren Namen hat

10WOHER DIE ZETERKLIPPE IHREN NAMEN HAT

Vor mehr als tausend Jahren, als es im Innern des Harzes noch keine menschlichen Wohnstätten und nur schmale Wildpfade gab, lebte am Fuß des Rennekenberges ein uralter Mann, Namens Wulferich. Nur sein blühendes Enkelkind, die blonde Gertelinde, teilte mit ihm die aus rohen Baumstämmen notdürftig zusammengefügte Hütte.

Vor vielen Jahren war er hierher geflohen, nur fort von den Menschen und auch seine Enkelin hatte, abgesehen von dem wortkargen Alten, keines Menschenangesicht gesehen. Dennoch fühlte sie sich glücklich und kein Wunsch trübte den Frieden ihres Herzens. Was kümmerte sie die weite Welt da draußen, jenseits der Wälder und der Berge und was kümmerten sie die Menschen, die dort lebten und sich gegenseitig das Leben verbitterten? Ihr Großvater hatte genug Geschichten am Feuer unterm Firmament erzählt, dass sie sich sicher war, nur hier hinzugehören. Ja, sie besaß alles, was sie bedurfte.

Doch dieses Frühjahr hielt für die Holde eine gehörige Überraschung bereit: Der Mai ging zu Ende und der Wald, in sein blütengesticktes Feierkleid gehüllt, bot soviel der Herrlichkeit und Freude, dass Gertelinde es in der engen Hütte niemals lange aushielt.
So saß sie auch diesen Abend an ihrem Born, im Schoße der Blumen und beobachtete die verglühenden Strahlen der Abendsonne, die abschiednehmend die hochaufragenden Baumwipfel umkosten. Plötzlich knackte es im nahen Holze, wie wenn ein Tier durch das Dickicht bräche. Gertelinde schaute nach jener Richtung, doch blieb ruhig sitzen, denn kein Tier des Waldes wagte ihr ein Leids anzutun. Doch aus dem Rahmen der Bäume trat kein Tier, sondern eine hochgewachsene Gestalt, wie die ihres Großvaters, die doch in ihrer jugendlichen Frische weder Falte noch Bart trug.

Gertelinde staunte, denn an die Menschen, die sie in ihren frühesten Kindheitstagen gesehen hatte, konnte sie sich kaum erinnern. Der Jüngling war über diese unerwartete Begegnung kaum weniger verwundert. In dieser Waldeinsamkeit gleichte es einem Wunder einem menschlichen Wesen zu begegnen, noch dazu einem Mädchen voll Anmut und Liebreiz. „Wie kommst Du an diese Stelle, Jungfrau und wie ist Dein Name?“, begehrte er zu wissen.
Ihr Herz klopfte stärker als jemals zuvor und in ihren Wangen begann ein Glühen, als wäre sie stundenlang im Sonnenbrande umhergelaufen und endlich erwiderte sie stockend: „Ich heiße Gertelinde und komme alle Tage an diesen Born – er ist nahe an unserer Hütte und …!“ – „Und Sigwart nennt man mich. Und du wohnst in dieser unwirtlichen Einöde?“ „Ja, natürlich!“, antwortete sie frei heraus, worauf er lachte und von seinem Heim, einer nahen Burg, von seinem Gesinde und seiner Familie erzählte. Auch sprach er davon, dass er sich verlaufen habe und den Weg nach Hause nicht mehr finde.

„Wulferich, mein Großvater, wird dir zuhelfen wissen, komm mit in unsere Hütte. Und wenn die Sonne morgen neu den Tag verzückt, geh zu den Deinen!“, sagte sie voll von kindlichem Übermut, fasste ihn an der Hand und zog in mit sich. Als Gertelinde so leichtfüßig vor ihm hinschwebte, die hohe, kräftige schlanke Gestalt aufgerichtet, den Rücken von einer Fluth goldener Haare überflossen, da wurde ihm ganz sonderbar zu Mute und mit einem Satze stand er an ihrer Seite und umschlang ihren Leib. „Gertelinde, Du Holde, willst Du mich lieben?“ hauchte er ihr sanft ins Ohr. Zwar klang die Frage und das Wörtchen „lieben“ fremd in ihren Ohren, doch ihr Herz gab ohne Zögern hell und klar die Antwort: „Ja!“

Als Wulferich sah, dass Gertelinde einen jungen Kerl aus dem Walde mitbrachte, grollte es in seinem Innern. Nur das Gastgebot hielt ihn davon ab, den Jüngling in den düsteren Wald zurück zu schicken.Gleich am anderen Morgen aber, ward ihm kalt der Weg aus dem Walde gewiesen. Sigwart und Gertelinde vermochten nur einen kkurzen, vertraulichen Moment zu verbringen: „Wann werd ich dich wieder sehen?“, fragte er, worauf sie ihn mit der Antwort: „Täglich, an unserem Born, wenn du nur willst!“, aus den Augen, nie wieder aber aus ihrem Herzen entließ.

Zu jeder Mittagsstunde saß Gertelinde nun an der Quelle und wartete sehnsüchtig auf Sigwart, der auch beinahe täglich einige Stunden an ihrer Seite verlebte. Nie war der Wald so schön gewesen, fanden beide: Die gefiederten Sänger trillerten herrlicher, die Quelle rauschte lieblicher und Gertelinde selbst, hätte vom Morgen bis in die Nacht hinein mit den Vöglein um die Wette singen und jubeln mögen. So vergingen Monate in denen sich die Liebenden alltäglich trafen, ohne zu ahnen, dass Wulferich’s scharfer Blick den frischgetretenen Pfad, auf welchem der Jüngling zur Quelle zu eilen pflegte, längst entdeckt hatte.

Furchtbarer Zorn loderte in ihm auf und er schwor dem Jüngling den Tod. Eines Tages legte er sich auf die Lauer, als ein helles Lachen ihn auf die richtige Fährte brachte und im nächsten Augenblicke stand er, die Streitaxt drohend geschwungen, vorm sich liebenden Paare.
„Fort!“, rief Gertelinde in höchster Angst dem Geliebten zu, der sie im selben Moment aber packte, sie sich auf die Schulter warf um mit ihr zu entfliehen.Zwar konnte Wulferich den leichtfüßigen Jüngling nicht einholen, blieb ihm aber dicht auf den Fersen, weil er alle Wege und Kürzungen kannte.
Keuchend, stürmte der Jüngling die öde Felsenwelt hinan, bis er mit einem Male auf einer weit vorspringenden, wild gezackten Klippe stand, die ihm weder nach rechts noch links einen Ausweg bot. Vor ihm der schauervolle Abgrund, hinter ihm der rasende Wulferich, dessen gellendes Wutgeschrei bis zu dieser Höhe drang. Angstschweiß perlte auf seiner Stirn, als er das Mädchen an dieser gefahrvollen Stelle zu Boden legte, um sich zum Kampfe zu bereiten. Ein Gebet trat auf seine Lippen, als er Wulferich’s glühende Augen vor sich erblickte, sich ihm entgegenstürzte, um die Jungfrau zu schützen. Wild hieben sie aufeinander ein und es schien schon, als ob Sigwart die Oberhand gewinnen könne, als die Feinde fest umschlungen vom Felsen in den gähnenden Abgrund stürzten.

Gertelindes Entsetzensschreie hallten in dieser Trümmerwelt zehnfach nach und als sie die Körper ihrer beiden liebsten Menschen am Boden zerschlagen sah, sprang sie den Verlorenen in purer Verzweiflung hinterher.

Seit dieser gräßlichen Nacht aber tobt, stöhnt und klagt es an den Zeterklippen noch viel ärger als in jenen frühen Tagen. Wenn man des Nachts zu ihnen in die Höhe schaut, so sieht man nicht selten eine von wehenden Haaren umflossene Gestalt, die rufend und wehklagend sich gen Brocken richtet und die Göttern befleht, ihre Liebsten zurück zu geben. Auch soll die arme Gertelinde nicht eher Ruhe finden, als bis ihr auf den Klippen ein anderer Jüngling entgegentritt, der das erlösende Wort zu sprechen weiß.

(aufgeschrieben von Kiehne nach Eynatten, um 1900 – Foto von Tagträumer Steffen Wenske)